Fuldaer Zeitung: Leserbrief „Verzerrtes Islambild“

„Verzerrtes Islambild“ (Leserbrief) –  Zum Leserbrief „Weltanschauliche Verwirrung“ von Gerd Kreß aus Kalbach, in der Fuldaer Zeitung vom 23.12.2014, Seite 4

Das Bild, das Nicht-Muslime in Deutschland und Europa vom Islam haben, wird beherrscht von muslimischen Extremisten und Terroristen. Problematisch ist daran, dass diesen hierdurch indirekt auch die Deutungshoheit über den islamischen Glauben zugesprochen wird. [Das geht soweit, dass Muslime, die solch fanatischen Auslegungen nicht nachkommen sowohl von diesen Extremisten, als auch von Nicht-Muslimen, häufig gar nicht als „richtige Muslime“ angesehen werden.] Befördert wird dieses verzerrte Islambild von fehlendem Wissen um die islamische Glaubenslehre und Geschichte. Und so lässt sich auch die aus wissenschaftlicher Sicht unsaubere Gleichsetzung der „Scharia“ mit dem „islamischen Recht“ erklären sowie die Auffassung, es habe im Islam nie Reformen gegeben. In diesem Zusammenhang ist auch der kritische aber gleichzeitig sehr respektvoll formulierte Leserbrief von Herrn Kreß zu verstehen, in dem er verschiedene Fragen an den Islam und mich persönlich als Muslim richtet. [Tatsächlich halte ich es für das größte Versagen der hiesigen Medienlandschaft, dass Debatten um den Islam meist zu Integrationsdebatten verkommen, in denen muslimische Religionsgelehrte und -wissenschaftler nie zu Wort kommen und kritische Fragen häufig abgewürgt werden.] Sehr gerne möchte ich versuchen, ihre Fragen im Detail zu beantworten. Da mir jedoch an dieser Stelle der Raum fehlt, möchte ich dies gerne in den nächsten Tagen auf meinem Online-Blog (www.qasir.de) versuchen. Vielleicht nur kurz zum Wertesystem der Scharia und des deutschen Staatsrechts: Tatsächlich finden sich die wichtigsten grundlegenden Werte der islamischen Scharia auch im Grundgesetz wieder. Der wichtigste islamische Wert ist die Glaubens- und Religionsfreiheit (auch wenn dies angesichts des Weltgeschehens paradox klingen mag). Und wer findet, dass er diesem in Deutschland nicht nachkommen kann, dem empfiehlt der Heilige Koran, in ein anderes Land auszuwandern (4:98) – das war auch die Praxis des Propheten Muhammad, als er in Mekka von den Polytheisten verfolgt wurde.

ABGEDRUCKT in der Fuldaer Zeitung vom 30. Dezember 2014 unter dem Titel “Verzerrtes Islambild” (in leicht abgeänderter, gekürzter Form)

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PS: Der Leserbrief von Herrn Kreß, sowie die Beantwortung der darin gestellten Fragen sind hier zu finden…

LINK: Weltanschauliche Verwirrungen Teil 1/3

LINK: Weltanschauliche Verwirrungen Teil 2/3

LINK: Weltanschauliche Verwirrungen Teil 3/3

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Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 3/3: Das Verhältnis von Scharia zum deutschen Rechtssystem

In einem Leserbrief in der Fuldaer Zeitung wurden mir verschiedene Fragen zum Islam gestellt, die ich an dieser Stelle gerne beantworten möchte (vgl. hierzu: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 1; Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 2):

Fuldaer Zeitung vom 23.12.2014

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Frage 3: Wie sieht Herr Qasir als Muslim ganz grundsätzlich das Verhältnis von islamischen Rechtsinhalten in der Scharia zum bestehenden Rechtssystem Deutschlands? Sollte sich ein gläubiger Muslim im Zweifelsfall, z.B. in Fragen des Familienrechts, des Vermögensrechts usw. in seiner Meinungsbildung und seinen Entscheidungen eher am Wertesystem der Scharia oder eher am Wertesystem des deutschen Staatsrechts orientieren? Sollte das Wertesystem des deutschen Staatsrechts aus islamischer Sicht auch Inhalte der Scharia aufnehmen?

Zunächst sollten Sie mal ganz neutral darüber nachdenken, ob Sie diese Fragen auch den Angehörigen anderer Religionen stellen würden? Beispielsweise Christen oder Buddhisten? Diese müssten doch die gleichen Probleme und Fragen haben. Das diese Religionsgruppen aber nicht das Problem haben, dass ihre Loyalität gegenüber einem Rechtsstaat wie Deutschland angezweifelt wird, hat vermutlich vielmehr etwas mit ihrem Ruf zu tun, als mit der Wirklichkeit.

Bis weit in die 60er Jahre hinein hatten Katholiken im Übrigen das Problem, dass ihnen in den USA die gleichen Vorurteile hinsichtlich der Loyalität gegenüber der demokratischen Verfassung entgegenstießen, wie es heutzutage gegenüber den Muslimen passiert. Sei’s drum.

Zunächst muss unbedingt geklärt werden, was genau „die Scharia“ überhaupt ist. Als Scharia bezeichnet man die Gesamtheit aller im Heiligen Koran und der Praxis des Propheten Muhammad (saw) enthaltenen Ge- und Verbote. Diese beziehen sich überwiegend auf den Glauben und die religiöse Praxis, betreffen aber in Teilen auch das soziale Miteinander. Die Diskussionen um „die Scharia“ drehen sich dabei meist um den als Zweites genannten Teil. Dass auch die Pilgerfahrt, das Ritualgebet, das Fasten und die Armenspende, sowie Glaubensinhalte Teil der „Scharia“ sind, ist dabei kaum jemandem bewusst.

Und genau wie es um die religiöse Praxis viele innerislamische Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten gab, gibt es diese auch im Bereich des Sozialen. Deshalb ist die „Scharia“ auch nicht das „Islamische Recht“, sondern das islamische Recht ist das sogenannte „Fiqh“ und ist als Ergebnis einer Interpretation der Scharia zu verstehen. Die „Scharia“ selbst ist also göttlichen Ursprungs, das Islamische Recht oder Rechtssystem (Fiqh) ist menschlichen Ursprungs. Und genau hier liegt eben das große Problem, das vor Allem aus Unkenntnis der islamischen Glaubenslehre herrührt: Alle Rechtssysteme, die auf dem Koran und der Sunnah (also der „Scharia“) aufbauen sind menschliche Interpretationen, die je nach Erfahrungsstand, Sozialisation, Wissen, Verstand und zeitlichen wie örtlichen Gegebenheiten differieren. Und die Gleichsetzung menschlicher Interpretation mit den göttlichen Offenbarungen ist dann auch der Hauptfehler, der gerade von Extremisten und wahabbitischen Salafisten gerne gemacht wird.

Tatsächlich kam es auch vor, dass sich an zwei Orten zu ein und der selben Frage unterschiedliche islamische  Gesetzgebungen entwickelten, obwohl man sich in beiden Orten an die gleichen Quellen hielt. So entstanden im Frühislam auch verschiedene Rechtsschule, die sich in ihren ganzen Entscheidungen und Fragen im sozialen Bereich stark unterschieden, ohne dass sich die Imame (im sunnitischen Islam die vier großen Schulen: Hanafi, Maalik, Scha’afi und Hanbal) als Häretiker verunglimpft hätten. Im Gegenteil, sie schätzen sich für ihre Diskussionen und Differenzen sogar. (Für weitere Details möchte ich an dieser Stelle das Buch „Der Islam und der Westen“ von Tariq Ramadan empfehlen; in der Auflage von 2000 betrifft dies die Seiten 90-92 ff.)

Dies musste ich erst einmal zum weiteren Verständnis vorschicken. Die Frage nun, ob eher das Wertesystem des deutschen Staatsrechts oder das Wertesystem der islamischen Glaubenslehre für mich als Muslim bindend ist, lässt sich nur so beantworten, als dass für mich als Muslim beides ähnliche Werte enthält. Ich könnte mich nun anschicken, das Grundgesetz 1:1 mit dem Koran zu vergleichen, aber es soll an dieser Stelle ausreichen, dass die wichtigsten Grundrechte des Grundgesetzes, also Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Menschenwürde, Religions-, Meinungs-, und Pressefreiheit allesamt vom Islam abgedeckt werden. Insofern stellt sich die Frage gar nicht. Sicherlich gibt es Differenzen im Familienrecht, z.B. bei der Mehrehe, die in Deutschland ja verboten ist. Aber das ist keine grundlegend wichtige Angelegenheit, um den islamischen Glauben auszuleben. Tatsächlich wird die Frage der Mehrehe eher in Bezug auf die Versorgung von Waisenkindern und im Krieg thematisiert und ist folglich auch eher die Ausnahme. Tatsächlich lebten und leben die allermeisten Muslime monogam. Ähnlich verhält es sich mit anderen Empfehlungen des Koran, die eher allgemeinen Prinzipen gleichen, denn als feste Regelungen zu verstehen sind und deshalb auch (wie oben bereits erwähnt) den Gegebenheiten der Zeit, der Region und der Kultur angepasst werden.

Sollte es trotz allem zu einer unlösbaren Differenz für einen Muslim kommen, dann sollte er den Anweisungen des Korans und dem Beispiel des Propheten Muhammad (saw) folgen. So heißt es im Heiligen Koran, dass diejenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, auswandern sollen in ein anderes Land. Tun sie das nicht, können sie sich nicht beschweren, dass es ihnen schlecht ergeht:

Zu jenen, die – Unrecht gegen sich selbst tuend – von Engeln dahingerafft werden, werden diese sprechen: „Wonach strebtet ihr?“ Sie werden antworten: „Wir wurden als Schwache im Lande behandelt.“ Da sprechen jene: „War Allahs Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können?“  (Sure 4, Vers 98)

Weiter wird vom Propheten Muhammad (saw) eine Begebenheit berichtet, nach der er nach Mekka reiste, um sich mit den Oberhäuptern der Stadt zu treffen. Da ihm per Gesetz die Einreise nach Mekka verboten wurde, ging er bis zur Stadtgrenze und schickte einen Boten in die Stadt, um die Oberhäupter entsprechend zu benachrichtigen. – Der Prophet Muhammad (saw) hielt sich also sogar an die Gesetze seiner Feinde und missachtete diese nicht. Wie kann es also sein, dass ein Muslim sich nicht an die Gesetze eines Landes hält, in dem er lebt? Ein solches Verhalten wäre unislamisch.

Das alles heißt aber nicht, dass sich ein Muslim nicht als Bürger oder Bürgerin des deutschen Staates an der Politik beteiligen dürfte. Im Gegenteil ist es die Pflicht eines deutschen Staatsbürgers, sich an den demokratischen Wahlen und Gesetzgebungsprozessen zu beteiligen. So würde ich persönlich z.B. die Einführung einer Armensteuer und die Abschaffung des Zinssystems nach Vorbild der islamischen „Scharia“ befürworten. Einen gravierenden Konflikt zwischen meinem Glauben und der Gesetzgebung meines Heimatlandes sehe ich dabei allerdings nicht.

Das soweit erst einmal in möglichster Kürze. Weiter und auch ausführlicher wird das Thema zudem behandelt in folgenden Videobeiträgen:

Stunde Des Islam – Loyalität von Muslimen gegenüber Deutschland [VIDEO]

Die gesellschaftliche Bedeutung der Scharia (Rede anlässlich der Jalsa Salana 2011) [VIDEO]

…sowie in der Broschüre „Zum Verhältnis von Scharia und Staat“ von Hadhrat Mirza Tahir Ahmad, erschienen beim Verlag Der Islam, Frankfurt, 2011 [ONLINE auch hier zu finden]

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen,

Volker Ahmad Qasir

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Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 2/3: „Missionskriege“

In einem Leserbrief in der Fuldaer Zeitung wurden mir verschiedene Fragen zum Islam gestellt, die ich an dieser Stelle gerne beantworten möchte (vgl. hierzu: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 1; Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 3):

Fuldaer Zeitung vom 23.12.2014

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Frage 2: Kann ein Muslim sich von den Missionskriegen wirklich distanzieren, die der Stifter seiner eigenen Religion, Mohammed, im Namen des Islam gegen Andersgläubige geführt hat, wenn er ihn doch für den Gesandten Gottes hält?

Die Formulierung der Frage unterstellt, dass der Prophet Muhammad (saw) und die Frühmuslime selbst Angriffskriege geführt hätten, mit dem Ziel, die Menschen zum Islam – und wenn auch nur rein äußerlich – zu „bekehren“.

Wie bereits ausführlich besprochen, herrscht im Islam Glaubensfreiheit (siehe hierzu Frage 1). Es wäre also stark widersprüchlich, würde der Prophet Muhammad (saw) entgegen seiner eigenen Lehre handeln. Der Islam erlaubt keine Angriffskriege, der einzige Krieg, der im Islam erlaubt ist, ist der Verteidigungskrieg, also Krieg mit dem Ziel, sein Leben und seinen Glauben zu verteidigen. Wenn Religionsfreiheit herrscht, ist kein Krieg erlaubt.

In der Frühzeit des Islam wurden die Muslime bis hin zum Tode des Propheten Muhammad (saw) immer wieder von verschiedenen Gruppen, hauptsächlich von den Götzendienern aus Mekka und der arabischen Halbinsel, aufgrund ihres Glaubens in kriegerische Auseinandersetzungen gezwungen. In sämtlichen Schlachten, ob bei Badr, Uhud oder später an der syrischen Grenze bei Mutah, wurden die Muslime direkt angegriffen oder mit dem Krieg bedroht. Diese Auseinandersetzungen sind allesamt gut belegt. Selbst der Eroberung Mekkas ging ein Verstoß gegen den Friedensvertrag von Hudaibiya seitens der Mekkaner voraus. Die Eroberung Mekkas verlief dann erwiesenermaßen weitestgehend friedlich ab, sodass niemand zu Schaden kam, der sich ergab. Selbst die größten Feinde des Islam wurden verschont, insofern sie die Muslime nicht bekämpften.

Welche Kriege also sollten das genau sein, die der Prophet Muhammad (saw) und die Frühmuslime geführt haben sollen, um Menschen zum islamischen Glauben zu zwingen?

Auch wird das den Rechtschaffenen Kalifen (Khulafa Ar-Raschidun) stets unterstellt, doch auch bei Umar (ra) z.B. gab es eine stete Bedrohung durch das Persische und das Römische Reich. Wie realistisch ist ein Angriffskrieg eines angeblich Machtbesessenen, solche Streitmächte anzugreifen, die um ein Vielfaches größer gewesen waren, als seine eigenen? Dies sind doch Vorstellungen, die eher geprägt sind von falschem Wunschdenken. Die Geschichte der (un-)christlichen Barbareien dürfen nicht mit der Geschichte der islamischen Ausbreitung gleichgesetzt werden. Interessanterweise fanden Andersgläubige gerade in islamischen Ländern, vor Allem während des Mittelalters, Zuflucht vor „Feuer und Schwert“ der (Un-)Christen. Leider ist auch dieser Teil der islamischen Lehre und Geschichte aktuell in sogenannten „islamischen Ländern“ eher in Vergessenheit geraten.

Wahre Gläubige wissen, dass durch Zwang und Angst nur Heuchler entstehen können, nicht aber wahre gläubige Muslime. In diesem Zusammenhang sei ein wundervolles Zitat des vierten Oberhaupts der Ahmadiyya Muslim Jamaat erlaubt, der einst sagte:

„Swords can win territories but not hearts, forces can bend heads but not minds.“ (Hadhrat Mirza Tahir Ahmad)

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Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 1/3: Krieg gegen die „Ungläubigen“

Nachdem ich mich in einem Leserbrief in der Fuldaer Zeitung über PEGIDA und gewisse Identitätsprobleme in Teilen der deutschen Bevölkerung äußerte, erhielt ich eine Antwort auf meinen Leserbrief, in dem ich auf kritische, gleichzeitig aber respektvolle Art und Weise auch drei Fragen zum Islam gestellt bekam. Da die Fuldaer Zeitung mir wohl keine Doppelseite für eine entsprechende Stellungnahme einräumen wird, möchte ich den Raum meines Blogs hierfür nutzen. Vielen Dank an Herrn Kreß, für Ihre Fragen, die ich nun gerne im Detail beantworten möchte (vgl. hierzu auch: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 2; Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 3):

Fuldaer Zeitung vom 23.12.2014

Frage 1: Wie versteht ein frommer Muslim Sure 9,73 im Koran, in der zum Krieg gegen die „Ungläubigen“ aufgerufen wird, wenn er dieses Buch als heiligstes, direkt von Gott gesprochenes Wort ansehen muss?

In dieser Frage stecken mehrere Dinge. Zuerst zum angesprochenen Koranvers; darin heißt es:

„O Prophet, streite gegen die Ungläubigen und die Heuchler. Und sei streng mit ihnen. Ihr Aufenthalt ist die Hölle, und schlimm ist die Bestimmung!“ (9:73)

Nun, zunächst einmal kommt meine Standardantwort zu solchen Dingen: Es ist sowohl zur pro-islamischen Untermauerung, als auch zur anti-islamischen Untermauerung nicht besonders sinnvoll, einzelne Passagen aus ihrem Kontext im Koran oder aus den Ahadith (islamische Überlieferungen aus den Aussprüchen und Verhaltensweisen des Propheten Muhammad, saw) herauszulösen und diese dann in einem anderen (meist eigenen) Kontext zu interpretieren. Deshalb ist es grundsätzlich wichtig, den Kontext der betroffenen Verse zu beachten. Meiner Erfahrung nach hat man dann meistens schon seine Antworten. Den gesamten Kontext der Offenbarung zu beachten wäre dann der nächste Schritt, was allerdings für einen Nicht-Muslim und/oder Laien relativ aufwändig ist.

Der Vers steht im Kontext der Unterscheidung von Gläubigen und Nicht-Gläubigen („Ungläubige“ kennt der Islam eigentlich nicht, das ist eher ein deutsches Wort, das in Ermangelung eines adäquaten Pendants trotzdem häufig in Übersetzungen Anwendung findet. Das arabische „kafir“ bezeichnet Menschen, die etwas leugnen oder ablehnen, bzw. bewusst verdecken; in diesem Fall den Islam). Dem Vers voraus geht die Beschreibung der Gläubigen, denen auch Erfolg versprochen wird. Im Anschluss beginnt die Beschreibung Nicht-Gläubigen, die dieser Vers einleitet.

Der Vers muss nicht notwendigerweise auf den Krieg bezogen werden, viele Gelehrte tun das aber. Der Vers berührt danach sowohl den Krieg gegen Nicht-Muslime, als auch gleichzeitig die Glaubensfreiheit. Dabei muss allerdings unterschieden werden zwischen den Muslimen als „politische“ Gruppe und als „religiöse“ Gruppe. In einem anderen Leserbrief habe ich das Problem bereits schon einmal beschrieben: „Im Frühislam geschah der Glaubenswechsel zurück zum Polytheismus normalerweise aus politischem Kalkül heraus und die Apostaten verrieten geheime Pläne und bekämpften die Muslime anschließend mit dem Schwert. In selteneren Fällen allerdings gab es Menschen, die den Islam friedlich verließen und dies wurde nachweislich vom Propheten Muhammad auch nicht bestraft. Ersteres war also politischer Hochverrat, zweiteres war Glaubensfreiheit.“

Kurzum: Den Glauben frei zu wählen, ist ein grundlegendes Menschenrecht und im Koran fest verankert. Nirgends im Koran wird man finden, dass Menschen aufgrund ihres Glaubens oder Andersglaubens eine weltliche Strafe (z.B. Todesstrafe bei Apostasie, etc.) erleiden sollen und auch die Praxis des Propheten Muhammad und der Rechtgeleiteten Kalifen des Islam entsprechen dem. Allerdings gab es manchmal Probleme, die das ganze für Außenstehende nicht so trennscharf erscheinen lassen. So trat einmal ein Volksstamm aus dem Islam aus und weigerte sich danach Steuern zu zahlen. Für die fehlenden Steuerzahlungen wurden sie bestraft, nicht aber für den Glaubensabfall. Ähnliche Beispiele gibt es bei einzelnen Personen, weshalb man eben unterscheiden muss. Wer einen Staat bekämpft oder gegen Gesetze verstößt, hat mit einer weltlichen Strafe zu rechnen. Für den Glaubenswechsel gibt es keine weltliche Strafe, wenngleich das in sogenannten „islamischen Ländern“ leider anders praktiziert wird. Das hat aber mehr mit Macht und Politik, sowie mit den Folgen der Kolonialisierung einiger Länder und dem anschließenden Einfluss sogenannter „christlicher Staaten“ zu tun.

Dass die Religionsfreiheit etwas anderes ist, als politische Bündnisse und Kämpfe wird auch in den ebenfalls häufig als vermeintlicher Beleg für den „Kampf gegen Ungläubige“ zitierten Versen der Sure 4, 90-92 deutlich. Darin heißt es:

Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, so dass ihr alle gleich seiet. Nehmet euch daher keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswandern auf Allahs Weg. Und wenn sie sich abkehren, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet; und nehmet euch keinen von ihnen zum Freunde oder zum Helfer;

außer denen, die Verbindung haben mit einem Volke, mit dem ihr ein Bündnis habt, und die zu euch kommen, weil ihre Herzen davor zurückschrecken, wider euch oder wider ihr eigenes Volk zu kämpfen. Und wenn Allah es wollte, Er hätte ihnen Macht über euch geben können, dann hätten sie sicherlich wider euch gekämpft. Darum, wenn sie sich von euch fernhalten und nicht wider euch kämpfen, sondern euch Frieden bieten: dann hat Allah euch keinen Weg gegen sie erlaubt.

Ihr werdet noch andere finden, die wünschen, in Frieden mit euch und in Frieden mit ihrem eigenen Volk zu sein. Sooft sie wieder zur Feindseligkeit verleitet werden, stürzen sie kopfüber hinein. Wenn sie sich also nicht von euch fernhalten noch euch Frieden bieten noch ihre Hände zügeln, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet. Denn gegen diese haben Wir euch volle Gewalt gegeben. (4:90-92)

In den genannten Versen geht es ebenfalls um kriegerische Auseinandersetzungen. Dabei wird gesagt, dass man sich von Menschen, mit denen man sich im Krieg befindet, keinen zum Freund oder Helfer nehmen soll, außer (!) solche, mit denen man ein Friedensbündnis hat (trotzdem sind diese Menschen ja noch „Ungläubige“) oder die nicht gegen die Muslime kämpfen möchten. Wer also nicht gegen die Muslime kämpft, der wird auch nicht bekämpft – und zwar unabhängig davon, welchen Glauben dieser Mensch hat. Ja es wird sogar gesagt, dass diese Menschen einen anderen Glauben haben, also „ungläubig“ sind, und sie trotzdem nicht bekämpft werden dürfen! Es wird sogar gesagt, dass diese Menschen die Muslime wohl bekämpfen würden, wenn sie selbst die Macht dazu hätten und trotzdem (!) ist es den Muslimen verboten, solche Menschen zu bekämpfen, die Frieden möchten. Nur wenn die Angriffe von den Nicht-Muslimen ausgehen, ist den Muslimen Gewalt erlaubt – aber auch das natürlich nur im Krieg und nicht im Alltag, logischerweise. Selbstjustiz ist auch im Islam verboten und zwar unabhängig davon, ob die Regierung eine islamische ist oder nicht. Die Rechtmäßigkeit einer Regierung hängt nicht von dem im Staatsvertrag oder der Verfassung verankerten Glauben ab, aber dazu an anderer Stelle mehr…

Was ich am Ende noch klarstellen möchte: Ein Muslim „muss“ den Koran nicht als wörtliche Offenbarung ansehen, er tut es aber gemeinhin. Im Frühislam war man übrigens unter Muslimen viel kritischer in der Haltung gegenüber Offenbarungen und Koranversen. Das belebt auch die Koranexegese (Tafsir), die viel früher im Islam einsetzte, als im Christentum, nämlich praktisch mit der Offenbarung selbst. Man hat viel mehr hinterfragt und gerade deshalb auch meistens mehr über den Glauben gewusst. Infolge des Imperialismus und der in diesem Zusammenhang aufkeimenden Politisierung des Islam (Stichwort: Wahabbismus / Salafismus, etc.) haben die extremen Kräfte leider an Einfluss gewonnen. Ähnliches ist auch im Zusammenhang mit der Kopftuchdebatte zu beobachten. Auch dieses Thema hat erst durch westliche Einflüsse eine so hohe Relevanz unter Muslimen erfahren.

Vielen Dank und ich hoffe, ich konnte die erste Frage einigermaßen zufriedenstellend beantworten.

Volker Ahmad Qasir

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Fuldaer Zeitung: Leserbrief „Komplexe Realität“

„Komplexe Realität“ (Leserbrief) –  Zur Berichterstattung und Kommentierung zum Thema PEGIDA in der Fuldaer Zeitung vom 17.12.2014, Seite 4

Man kann über PEGIDA denken was man will, eines wird aber aus einer solchen Bewegung deutlich: Die große Mehrheit der Deutschen hat ein heftiges Identitätsproblem. Nachdem der christliche Glaube vielen Menschen aufgrund diverser Kirchenskandale keinen Rückhalt mehr zu bieten scheint und das nationale Ehrgefühl hin und hergerissen ist, zwischen Föderalismus und vereintem Europa, scheint doch die Frage danach, wer man eigentlich ist, dringlicher denn je. Da Antworten fehlen, klafft eine gähnende Leere, die gefüllt werden will. Und da es einfacher ist, GEGEN etwas zu sein, als FÜR etwas einzustehen, entstehen Gruppen wie PEGIDA, bei denen die Anti-Haltung bereits im Namen zu finden ist. Man sollte vielmehr einmal darüber nachdenken, was diese fiktiven Konstrukte namens „deutsche Identität“ und „deutsche Interessen“ überhaupt sind. Auch bleibt ebenso zu fragen, was genau man unter der „Islamisierung des Abendlandes“ versteht. Offensichtlich sind die Proteste nämlich gegen den Islam und die Muslime im Allgemeinen gerichtet und nicht nur gegen gestörte Extremisten und wahabbitische Salafisten. In diesem Zusammenhang könnte man dann auch als „nicht-tendenziöser Mainstream“ über den offenen Brief von über 120 muslimischen Gelehrten an die ISIS berichten oder über den „Islamicity Index“, der feststellt, dass die islamischsten Länder der Welt in Europa zu finden sind. Hierüber habe ich ebenfalls in keiner größeren Tageszeitung etwas lesen können. Und dann muss ich immer hören: „Endlich sagt`s mal einer“. Jeder sagt es doch andauernd und überall! Anstatt Muslime und Terroristen in einen Topf zu werfen und so liberale Menschen gerade den Extremisten zuzuspielen, dürfen und müssen solche Diskussionen geführt werden. Dabei darf das Feld aber nicht den Extremisten (auf beiden Seiten) überlassen werden. Die Nazi-Keule ist dabei genauso unangebracht, wie Islamfeindlichkeit; und überhaupt werden vereinfachende Begriffe wie „rechts“ und „links“ der komplexen Realität nicht gerecht.

ABGEDRUCKT in der Fuldaer Zeitung vom 17. Dezember 2014 unter dem Titel “Komplexe Realität” (in leicht abgeänderter, gekürzter Form)

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Fuldaer Zeitung: Leserbrief „Wider die Lehren des Propheten“

„Wider die Lehren des Propheten“ (Leserbrief) –  Zum Artikel „Scharia-Polizei bald in vielen Städten?“, in der Fuldaer Zeitung vom 08.09.2014, Seite 3

Nach fragwürdigen Koranverteilungen, zwielichtigen Kundgebungen und anderen provokanten Aktionen, konnten sich wahabbitische Salafisten erneut medienwirksam in Szene setzen. Diesmal als „Scharia-Polizei“ in Wuppertal. Eine gute Werbung für diese extreme wie unreflektierte Auslegung der islamischen Glaubenslehre, die hierdurch wohl in erster Linie unter muslimischen Jugendlichen „Frischfleisch“ rekrutieren wollte.

Paradoxerweise widerspricht das Auftreten der selbsternannten Sittenwächter aber gerade der islamischen Scharia, denn einerseits nimmt man hierdurch leichtfertig in Kauf, dass weite Teile der Bevölkerung durch eine Art der Selbstjustiz verängstigt werden, andererseits aber steht ein solches Verhalten vor Allem den koranischen Lehren und der Praxis des Propheten Muhammad entgegen. So lehrt der Heilige Koran, dass die Fehler und Sünden anderer bedeckt und eben nicht öffentlich gemacht werden sollen, außer bei Unrecht oder einer Straftat (4:149). Und der Heilige Prophet Muhammad schlug bei der Rückkehr von einer Reise sein Nachtlager deshalb noch vor den Toren Mekkas auf, um nicht aus Versehen Zeuge von sich in der Stadt eventuell zutragenden Schlechtigkeiten zu werden.

Die Aktion der „Scharia-Polizei“ ist daher aus humanistischer, wie auch aus islamischer Sicht absolut und aus tiefstem Herzen zu verurteilen.

 

ABGEDRUCKT in der Fuldaer Zeitung vom 17. September 2014 unter dem Titel “Wider die Lehren des Propheten”

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Von der medialen „Islamisierung“ gesellschaftlicher Probleme

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina im Gazastreifen spitzt sich derzeit wieder zu und es gibt erneut zahlreiche Opfer in diesem sinnlosen Krieg. In Deutschland hingegen gibt es zahlreiche Demonstrationen, insbesondere gegen die Politik Israels. Ebenfalls deshalb wird auch in Talk-Shows und Tageszeitungen eine Debatte über die Gefahr eines erneut aufkeimenden „Antisemitismus“ geführt, der angeblich vor Allem von muslimischen Jugendlichen ausgehen würde(z.B. auf NTV.de[1]).

Alleine schon die Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“ als Fremdwort für „Judenfeindlichkeit“ ist in diesem Zusammenhang inhaltlicher Schwachsinn. Der Begriff „Antisemitismus“ leitet sich aus der Annahme der Nachkommenschaft von Sem ab, einem von drei Söhnen Noahs (neben Ham und Jafet). Allerdings zählen nicht nur Juden zu den „Semiten“, sondern auch andere asiatische Volksgruppen, wie z.B. die Araber. Da es in den genannten Demonstrationen mehrheitlich um „muslimische“ Jugendliche mit arabisch-stämmigem Migrationshintergrund ging, ist das ein Widerspruch an sich.

Im Gegensatz dazu ist aber sicherlich richtig, dass es unter einigen/vielen (?) dieser jugendlichen Demonstranten judenfeindliche Parolen gab, die sich nicht unter dem Vorwand politischer Kritik schönreden lassen. Der hier abgesonderte Hass richtet sich offensichtlich gegen die Juden als ethnische wie religiöse Volksgruppe. Die hier erwähnten „muslimischen Jugendlichen“ handeln also unislamisch, da sie – erstens – Menschen nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit als minderwertig beurteilen und diese – zweitens – heftig und auf üble Art und Weise beschimpfen. Hinzu kommt, dass gerade die betroffene Volks- bzw. Religionsgruppe, nämlich die Juden, aus islamischer Sicht – drittens –von Gott im Koran als „Ahl-e-Kitab“ („Volk der Schrift“) ausgezeichnet und gelobt werden. Das alles lässt doch darauf schließen, dass die sogenannten „muslimischen“ Jugendlichen sich gar nicht so „muslimisch“ verhalten, sondern eher bar jeglichen Wissens ihrer Religion handeln. Kurzum: die genannten Muslime verhalten sich in diesem Fall unislamisch, weshalb die Bezeichnung „muslimisch“ inhaltlich falsch und irreführend ist.

Daraus ergibt sich unweigerlich die Frage, warum diese Jugendlichen überhaupt als „Muslime“ bezeichnet werden. Man könnte sie genauso als „Demonstranten“ bezeichnen oder als Deutsche, als Berliner, als Chaoten oder wenn man ihren Migrationshintergrund hervorheben möchte gerne auch als Ausländer oder Araber. Doch das alles wird nicht gemacht. Immer öfter trifft man hingegen auf eine „Muslimisierung“. Früher waren es die türkischen Gastarbeiter oder die arabischen Terroristen (die wechselweise auch als Kommunisten auftraten). Heute spricht man bei gesellschaftlichen Konflikten stets von den „Muslimen“. Sicherlich ist die einseitige Betrachtungsweise überhaupt als problematisch zu erachten, also dass verschiedenen, individuellen Persönlichkeiten eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit zugesprochen wird, doch dass dies heute auf die Religion bezogen wird hat sicherlich mit der Rolle der Religion hier in Deutschland zu tun, die in Deutschland insgesamt keinen besonders guten Ruf in der öffentlichen Wahrnehmung genießt.

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Ich möchte die „Muslimisierung“ gesellschaftlicher Missstände an einem weiteren Beispiel verdeutlichen: In der Bildzeitung war gestern ein Bericht zu lesen, wonach ein zwangsverheiratetes 14-jähriges „Muslim-Mädchen“ ihren 35 Jahre alten Ehemann mit Rattengift getötet hat[2].

Im Artikel wird auch nochmal gesondert hervorgehoben, dass Zwangsheiraten im Norden Nigerias häufiger vorkommen, weil dieser eben „muslimisch“ ist. Im christlich geprägten Süden kommt das zwar auch vor, aber halt weniger häufig. Ist ja klar, ist ja auch christlich, also eigentlich so ähnlich wie „Wir“. Auch wird die islamistische Terrororganisation „Boko Haram“ genauso erwähnt wie das Angstwort „Scharia“, damit ja kein Zweifel daran aufkommt, dass es sich hier um ein muslimisches Problem handelt und nicht um ein gesamtgesellschaftliches. Kurzum, der Artikel legt den Schluss nahe, dass sich das kleine Mädchen ihres alten Ehemannes entledigt hat, weil es unglücklich in dieser pädophil anmutenden Zwangsehe war, bei der vermutlich sexueller Missbrauch an der Tagesordnung war. Der Artikel erzeugt demnach Verständnis gegenüber dem Mädchen für den Mord an dem Ehemann. Und das auch bei mir. Allerdings nervt mich die inflationäre Verwendung von Begriffen aus dem islamischen Sprachgebrauch (z.B. „Scharia“). Auch der Islam verbietet Zwangsheirat und auch der Islam stellt sowohl auf spirituell-religiöser wie auf gesetzlicher Ebene sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung unter Strafe. Gerne wird in solchen Fällen seitens Islamgegner auf die viel diskutierte Hochzeit des Propheten Muhammadsaw mit Hadhrat Aishara verwiesen die (auch nach heutigen europäischen Maßstäben) sicherlich nicht den Normalfall darstellte. [3] Zweifelsohne wird diese Tatsache aber in solchen Fällen wie dem hier genannten als religiöse Legitimation für unislamische Handlungen missbraucht.

Dennoch reduziert der Schreiber dieses Artikels das gesamte Problem auf den Islam, sodass der Eindruck entsteht, der Islam und die islamische Lebensweise seien für das Problem verantwortlich. Dies, weil der Islam Frauen unterdrücke, es gutheiße, wenn alte Männer junge Mädchen sexuell gefügig machten, etc. pp. Darauf, dass es hier um einen spezifischen Einzelfall mit gewissen Eigenheiten geht, wird überhaupt nicht differenziert eingegangen. Es geht in diesem Fall um ein afrikanisches Land (Nigeria), hier auch um den Norden, der nicht nur islamisch geprägt ist, sondern vor Allem durch wirtschaftliche wie politische Rückständigkeit gegenüber dem Süden auffällt. Auch geht es in diesem Fall um eine Region, in der offensichtlich Armut vorherrscht und folglich Bildung keinen besonders ausgeprägten Stellenwert hat – und dies betrifft sowohl weltliches wie auch religiöses Wissen. Hinzu kommen noch die individuellen Situationen sowohl der Familie des Mädchens („verkauft“ das Mädchen als Ehefrau an den älteren Mann) als auch ihres Ehemannes (Erziehung, Machtkomplexe, sexuelle Neigungen, etc.), die ebenfalls überhaupt nicht angesprochen werden – wohl weil sie weder bekannt noch einfach herauszufinden sind. Da ist es doch einfacher, den Islam vorzuschieben, als der Komplexität des einzelnen Falles gerecht zu werden.

Man stelle sich vor, man würde einen Artikel über eine deutsche Mutter, die ihr Kind tötet mit der Überschrift titulieren: „Deutsche Mutter wirft Kind wegen Überforderung aus dem Fenster“. Unweigerlich würde nahegelegt werden, die Mutter tötete ihr Kind, weil „Deutsche“ nunmal schnell „überfordert“ seien. Die diskriminierenden, zu Ablehnung führenden Folgen sind offensichtlich!

Aber wie sagte Volker Pispers doch so treffend: „Es geht nichts über ein einfaches Weltbild, dann hat der Tag Struktur!“

Als Leitmedium in Deutschland, wie es die BILD-Zeitung (leider) eines ist, hat man eine gewisse Verantwortung. Sicherlich soll und darf man keine Wahrheiten verschönern, soweit richtig. Aber die extreme Einseitigkeit, mit der hier Berichterstattung erfolgt, also ohne die nötige Reflexion der Sachverhalte, fördert die Ausgrenzung bestimmter Gruppen aus der Gesamtgesellschaft. Und dabei ist es unerheblich, ob es sich hier um Mehrheiten oder Minderheiten handelt.

In diesem Sinne möchte ich das Fazit den Ärzten überlassen:

„Lass die Leute reden und lächle einfach mild,
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht,
aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“

(„Die Ärzte“, aus ihrem Lied: „Lasse redn“)

 

 

[1] http://www.n-tv.de/politik/Radikale-haben-Demos-gekidnappt-article13307551.html, Abruf am 22.08.2014

[2] http://www.bild.de/news/ausland/zwangsheirat/zwangsverheiratetes-maedchen-toetet-ehemann-mit-rattengift-37339662.bild.html, Abruf am 22.08.2014

[3] Für interessierte Leser/innen möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Erläuterungen des bedeutenden Islamwissenschaftlers Montgomery Watt verweisen. Hier insbesondere über die „Anschuldigungen übersteigerter Fleischeslust“, in seinem Werk: Watt, M., Der Islam – Band I., Kohlhammer-Verlag, 1980, S. 141ff. (Kapitel B-II-3.g „Mohammes Tod; sein Charakter)

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Fuldaer Zeitung: Leserbrief „Solidarität mit den Christen in Mossul“

„Solidarität mit den Christen in Mossul“ (Leserbrief) –  zu dem Artikel „Tag der Trauer und des Entsetzens“ nach einem Interview mit Erzbischof Dr. Ludwig Schick, in der Fuldaer Zeitung vom 25.07.2014 (Rubrik: „Religion im Leben“)

Jahrhunderte lange nutzten westliche Staaten ihre militärische Überlegenheit, um andere Länder auszubeuten und noch heute befinden sich diese in politischer wie wirtschaftlicher Abhängigkeit. Im Namen von Freiheit und Demokratie werden gezielt Regierungen unterstützt, die paradoxerweise oftmals gerade nicht freiheitlich-demokratisch agieren, sondern vielmehr den Interessen westlicher Staaten dienlich sind. Auf der anderen Seite missbrauchen religiöser Führer den Islam, um Hass gegen den Westen zu schüren und selbst politische Macht zu erlangen. Und da der äußerlichen Religionszugehörigkeit im Nahen und Mittleren Osten eine weitaus größere Bedeutung zugemessen wird, werden die dort ansässigen christlichen Minderheiten zu Komplizen der westlichen („christlichen“) Staaten – schlichtweg, weil sie (er)greifbar sind. [Jede Intervention eines „christlichen“ Landes also in die innenpolitischen Angelegenheiten eines „muslimischen“ Landes schürt weiteren Hass gegen gerade die christlichen Minderheiten, die diese Einmischung angeblich zu schützen versucht.] Der Fall Irak ist leider ein Paradebeispiel. Wo unterschiedliche Religionen und Konfessionen relativ gesittet miteinander leben konnten, herrschen seit dem Einmarsch der US-Truppen religiöse Extremisten.

Erzbischof Schick fordert deutsche Muslime zur Verurteilung der Christenverfolgungen auf. Ich fordere zur Verurteilung unchristlicher Außenpolitik auf. Herr Schick hat dennoch recht, diese Verurteilungen gab es aber mehrfach, allerdings konnte ich in deutschen Medien tatsächlich nichts davon sehen. Und trotzdem sollte ich mich als Muslim auch gar nicht verpflichtet fühlen, mich von den Verbrechen der ISIS-Terroristen zu distanzieren. Meine Solidarität ist gerade aufgrund meines islamischen Glaubens bei den Christen aus Mossul. Die ISIS-Terroristen sind nicht meine Glaubensbrüder. Ich bin Muslim, ich habe aber einen anderen Glauben als sie.

ABGEDRUCKT in der Fuldaer Zeitung vom 28. Juli 2014 unter dem Titel “Solidarität mit den Christen in Mossul”

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Fuldaer Zeitung: Leserbrief „Rückständig, weil unwissend“

„Rückständig, weil unwissend“ (Leserbrief) – Zum Artikel „Zum Tode verurteilte Christin frei“, Fuldaer Zeitung vom 24.06.2014

Seit vielen Jahrhunderten lässt sich eine umfassende politische Stagnation in der arabischen Welt erkennen. Dies, weil viele sogenannte „islamische“ Staaten lediglich frühere Verhaltensweisen nachahmen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Die Folge ist eine Missachtung der islamischen Glaubenslehre, deren besondere Einhaltung sich diese Länder angeblich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und so kommt es dann auch, dass im Sudan eine Frau um ihr Leben fürchten muss, weil sie den Islam verlassen und als Glauben das Christentum angenommen hat. Dies, weil ungebildete Leute glauben, der Islam propagiere die Todesstrafe bei Apostasie. Zwar ist das falsch, aber einen halbwahren Kern hat es trotzdem: Im Frühislam geschah der Glaubenswechsel zurück zum Polytheismus normalerweise aus politischem Kalkül heraus und die Apostaten verrieten geheime Pläne und bekämpften die Muslime anschließend mit dem Schwert. In selteneren Fällen allerdings gab es Menschen, die den Islam friedlich verließen und dies wurde nachweislich vom Propheten Muhammad auch nicht bestraft. Ersteres war also politischer Hochverrat, zweiteres war Glaubensfreiheit. Die heute von manchen „islamischen“ Ländern praktizierte Verfolgung von Apostaten geschieht genau aus dieser Unkenntnis heraus. Sie sind nicht in der Lage Hochverrat und Glaubensfreiheit voneinander zu unterscheiden und verwenden beides synonym mit dem Begriff Apostasie (arabisch: „irtidad“). Kein Wunder also, dass der Islam als rückständige Polit-Religion missverstanden wird, bei solch rückständigen Politikern in der „islamischen“ Welt.

ABGEDRUCKT in der Fuldaer Zeitung vom 27. Juni 2014 unter dem Titel “Rückständig, weil unwissend”

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Filmkritik: „Die Freischwimmerin“ (04.06.2014 – ARD)

Beim herumschalten stieß ich heute Abend auf einen Fernsehfilm in der ARD, den ich nicht unkommentiert lassen kann. Bereits der Titel des Films weißt gewissermaßen auf den stereotypen Inhalt hin, denn das arme unterdrückte muslimische Mädchen ist eine gute Schwimmerin und ist sozusagen gefangen zwischen Tradition und Moderne und möchte sich hieraus befreien (was sie aber noch nicht weiß, sondern erst im Laufe des Films von ihrem Umfeld klargemacht bekommt.. Kurzum: Sie schwimmt sich frei.

Doch zunächst die ARD-Filmankündigung:

ARD-Film: „Die Freischwimmerin“

Martha Müller ist nach einem gewalttätigen Zwischenfall vom Lehrerberuf desillusioniert und beschließt, sich nicht mehr so stark als Lehrerin zu engagieren. An ihrer neuen Schule in Wien wird sie jedoch gleich mit Problemfall Ilayda konfrontiert. Die 17-jährige türkische Schülerin lebt mit ihrer sehr gut integrierten Familie in Wien. Sie selbst aber hat sich nach dem Tod ihres Vaters entschlossen, Kopftuch zu tragen. Dadurch grenzt sie sich jedoch immer mehr aus ihrer Klasse aus.

Ilayda ist eine leidenschaftliche Schwimmerin und geht dieser Passion heimlich nachts im Schulschwimmbad nach. Martha, die auch Sportunterricht gibt, bekommt das mit und versucht, Ilayda über die Schulschwimm-Mannschaft, die an einem Wettbewerb teilnehmen soll, wieder in die Klassengemeinschaft zurückzuholen. Dabei kommt Martha immer mehr von ihrem Vorsatz ab, sich nur noch im Unterricht für ihre Schüler einzusetzen, um nicht wieder eine Enttäuschung erleben zu müssen. Als Ilayda sich auch noch weigert, Kopftuch und Burkini für den Schwimmwettbewerb abzulegen und im normalen Badeanzug zu schwimmen, scheinen sich Marthas Befürchtungen zu bestätigen.

Quelle: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/die-freischwimmerin-100.html

 

Wie nicht anders zu erwarten war der Film ein Pseudo-Integrations-Müll der nicht lange Seinesgleichen sucht, sondern sich leider nahtlos in die von Kai Hafez nachgewiesene Einseitigkeit von ARD und ZDF eingliedert. Und das, obwohl das Teil von 2014 ist. Respekt für soviel Ignoranz! Schade eigentlich.

Konkret geht es um das arme  muslimische und deshalb rückständige Mädchen, das von der bösen Mehrheitsgesellschaft (in diesem Fall Österreich) ausgegrenzt wird, weil sie Kopftuch trägt, woran sie aber logischerweise selbst schuld ist, denn wer wüsste das nicht: Kopftuch = integrationsunwillig [Stereotyp #1].

Das arme hilflose Mädchen erhält aber Unterstützung von der jungen, dynamischen und emanzipierten Lehrerin, die an das Mädchen glaubt – die Lehrerin scheint dabei stellvertretend für die sowieso und überhaupt verständnisvolle Gesellschaft zu stehen [Stereotyp #2] – die ja so häufig von den Migranten ob deren Integrationsunwilligkeit enttäuscht wird.

Im Laufe des Films stellt man fest, dass das Mädchen nur deshalb Kopftuch trägt, weil sie es dem verstorbenen Vater „recht“ machen möchte, der ihr in einer letzten Botschaft sagte, sie solle ihre Wurzeln nicht vergessen. Und so befindet sich das arme muslimische Mädchen im Konflikt zwischen Integration (und damit dem eigenen Glück) und zu erfüllendem Erwartungsdruck durch den Vater (Familienehre, etc. pp., man weiß es schon) – [Stereotyp #3].

Das Mädchen möchte sich natürlich integrieren, was dem aufmerksamen Zuschauer auch dadurch deutlich gemacht wird, dass sie sich auf einer Party abfüllen lässt und halbnackt im Swimmingpool feiert… also sich integriert hat… tolle Integration [Stereotyp #4]. Diese Szene erinnert dabei stark an die Mechanismen der Zwangsentschleierungen während der Kolonialzeit in Nordafrika durch die weißen Kolonialherren, denen Franz Fanon Vergewaltigungsphantasien zuschrieb, die sie durch eben die Zwangsentschleierung erfüllen konnten, da das Kopftuch als „sexuelle Barriere“ hierdurch beseitigt wurde. Die kolonialisierten muslimischen Frauen wurde somit zu ihrer Freiheit gezwungen. Ähnliches findet sich ganz deutlich im Film.

Weiter geht die Handlung damit, dass das muslimische Mädchen am nächsten Tag Ärger von seinem Bruder bekommt, der das ganze von einem türkischen Kollegen auf Youtube gezeigt bekommt, weshalb dieser einigermaßen beschämt ist. Man wäre fast geneigt zu sagen, dass hier Stereotyp #5 zum Einsatz kommt, wäre es nicht so, dass der Bruder doch recht liberal auftritt, wenngleich er in besagte Lehrerin verliebt ist, was eine Art Macho-Image zumindest andeutet. Dennoch: kein Stereotyp im klassischen Sinne, Respekt! Dafür folgt aber der letzte Stereotyp auf den Fuß.

Das Mädchen ist eine super Schwimmerin. Hierdurch hofft die Lehrerin das ausgegrenzte Mädchen in die Klassengemeinschaft integrieren zu können, nämlich indem das Mädchen den Schwimmwettbewerb gewinnt, bzw. dem Schulteam zum Erfolg verhilft. Das wäre ja auch alles kein Problem, würde das muslimische Mädchen nicht unbedingt darauf bestehen, einen Burkini zu tragen. Deshalb darf sie dann auch nicht am Wettbewerb teilnehmen und die Lehrerin stellt sie noch einmal (im Sinne von: – Die Moral von der Geschicht‘- ) vor die Wahl: Entweder sie „passt sich an die Mehrheitsgesellschaft an“ und schwimmt im normalen Badeanzug und macht damit alle (inklusive sich selbst) stolz oder aber sie besteht auf ihre „islamischen / türkischen / traditionellen / rückständigen…“ Werte und enttäuscht nicht nur sich und ihren Bruder, sondern auch das restliche Schwimm-Schulteam und natürlich die ganze Gesellschaft und die Welt insgesamt. Und als man glaubt: Na klar, die starrköpfige Muslimin wird sich doch nie integrieren, taucht das muslimische Mädchen in einem Badeanzug auf und gewinnt natürlich alles und alle sind glücklich, inklusive der Lehrerin, die immer an das Mädchen und deren Integrationsfähigkeit geglaubt hat. Prost Mahlzeit! Alhamdulillah, die Muslime können sich ja doch integrieren… [Stereotyp #6 und #7]

Ich muss dem Ende zu gute halten, dass die „Ent-Burkinisierung“ nicht so schlimm ausfiel, wie erwartet (nämlich so ähnlich, wie die peinliche Zwangsentschleierung vorher). Ehrlich gesagt sah der Badeanzug, den das muslimische Mädchen dann am Ende anhatte genauso aus, wie der Burkini. In islamischem Sinne auch für ein adrettes Auftreten vollkommen in Ordnung – für mich jedenfalls.

Zweitens hatte die Klassengemeinschaft dann am Ende Verständnis für das Kopftuch des Mädchens und genau darum geht es bei Integration – nicht um Gleichheit, sondern um Verständnis für unterschiedliche Werte, die aber eine Gesellschaft gegenseitig bereichern können. Äußerlichkeiten sind hier fehl am Platz, das kam am Ende immerhin gut rüber.

Trotzdem bleibt das Fazit bescheiden. Der Film ist überaus empfehlenswert zur Analyse von Stereotypen in der Repräsentation des muslimischen „Anderen“ im Rahmen von Cultural Studies oder Postcolonial Studies in der Politikwissenschaft. Als sinnvollen Beitrag zur Integrationsdebatte würde ich ein solches Machwerk allerdings nicht zählen. Dies vor Allem deshalb, weil hier neben zahlreichen einseitigen Darstellungen und Stereotypen der so häufige Fehler begangen wird und gelebte Praxis von Menschen mit türkischem / traditionellem Migrationshintergrund als repräsentativ für „Den Islam“ zusammengewürfelt wird.

Schade eigentlich, die Idee fand ich gar nicht so schlecht. Wie so oft haperte es dafür gewaltig an der Umsetzung. Lustig fand ich auch die anschließenden Tagesthemen, in denen auf eine Studie zum Rechtsextremismus aufmerksam gemacht wurde, in der man feststellte, dass sich dieser verringert, gleichzeitig aber auf bestimmte Gruppen konzentriert habe. Diese Gruppen seien vor Allem Asylbewerber und Muslime…tja, wie das wohl kommt!?

In diesem Sinne,
Allah Hafiz,
Volker

 

PS: Ich habe noch einen lesenswerten Kommentar zum Film gefunden, Spiegel-Online. Danke auch hierfür: http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-freischwimmerin-ard-film-um-tuerkin-mit-emily-cox-in-der-ard-a-972320.html

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