Religion im Koran: zwischen innerer Haltung (Glaube) und äußerer Form (System)

Zu den fundamentalsten Fragen der Religionswissenschaften zählt die danach, was Religion per Definition überhaupt ist. In den Wissenschaften werden Definitionen benutzt, um den Forschungsgegenstand genauer ein- und gegenüber anderen abgrenzen zu können. Gerade Religion aber ist schwierig zu definieren, weshalb es viele Erklärungsversuche, Modelle und Differenzierungen gibt, jedoch keine allgemein gültige Definition. Dies wohl aufgrund der Allumfassenheit von Religion, denn Religion hat Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche des menschlichen Lebens; auf die Persönlichkeit, die Kultur, das Zusammenleben, die Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft, Gesetze und Regeln im öffentlichen Raum, sowie auf Umgangsformen im privaten Umgang miteinander usw.

Zu den ältesten Definitionsversuchen zählt die Unterscheidung von Religion in einen substanziellen und einen funktionalen Religionsbegriff[1], bzw. diesem folgend die Unterscheidung zwischen Religion als „Faith“ als tiefere und persönliche Einstellung und „Religion“ als sich anhäufende Rituale und Traditionen.[2]

Neuere Modelle differenzieren noch stärker zwischen diesen beiden Faktoren und unterscheiden sich zudem nach Forschungsinteresse und Berührungspunkten in Nachbardisziplinen. Genannt seien hier die Dimensionen-Modelle nach Glock und Smart. In diesen wird Religion in fünf Dimensionen unterteilt: (1.) Glaube, (2.) Riten, (3.) religiöser Gemütsbewegung, (4.) Wissen und (5.) Konsequenz[3] oder in sieben Dimensionen, nämlich einer praktisch-rituellen Dimension (Rituale), einer emotional-spirituellen Dimension (Erfahrung), einer mythologisch-narrativen Dimension (Erzählung), einer philosophischen Dimension (Lehre), einer ethisch-rechtlichen Dimension (Gesetz), einer sozial-kirchlichen Dimension (Institution) und eine künstlerisch-kulturelle Dimension (Materie).[4] Ähnliches gilt für das Modell der fünf Dimensionen des kooperativen Religionsgesprächs in der islamischen Religionspädagogik, das auch Eingang in die hessischen Lehrpläne fand und Religion differenziert als Inszenierung (die Dimension der sichtbaren Gestalt von Religion und ihren Praxen), Institution (die Dimension der religiösen Funktionäre), Interpretation (die Dimension der religiösen Sicht auf die Welt), Infragestellung (die Dimension der weltlichen Rückfrage an die Religion) und Intention (die Dimension der Verständigung über gemeinsame Erfahrungen und Interessen).[5]

 

Substanzieller und funktionaler Religionsbegriff im Koran

Die Unterscheidung zwischen den beiden Dimensionen von Religion als einer inneren Haltung (substanziell: Glaube, arab.: „iman“) und einer äußeren Form (funktional: Zugehörigkeit zum Islam) wird an verschiedenen Stellen im Heiligen Koran thematisiert. Am deutlichsten in der Sure 49, da heißt es in Vers 15: „Die Wüstenaraber sprechen: „Wir glauben.“ Sprich: „Ihr glaubet nicht; saget vielmehr: „Wir haben den Islam angenommen“, denn der Glaube ist noch nicht eingezogen in eure Herzen.“ Wenn ihr aber Allah gehorcht und Seinem Gesandten, so wird Er euch nichts verringern von euren Werken. Allah ist allvergebend, barmherzig.“

Der Koran unterscheidet hier deutlich zwischen dem Islam als sozialem System, dem man sich durch ein Bekenntnis anschließen kann („den Islam annehmen“ à vgl. funktionaler Religionsbegriff) und dem persönlichen Glauben („Wir glauben“ / „Ihr glaubet nicht“ à vgl. substanzieller Religionsbegriff). Im Vers wird aber auch deutlich, dass es um eine spirituelle Entwicklung geht an deren Anfang die Zugehörigkeit zum sozialen System Islam steht und dass erst danach der nächste Schritt hin zum Glauben getan werden kann. Beide Dimensionen von Religion sind also wichtig. Dass hier konkret die Wüstenaraber („Al-Arab“) angesprochen werden scheint hinsichtlich einer soziologischen Betrachtung von Religion auch interessant, da „Dörfler“ im Gegensatz zu „Stadtbewohnern“ scheinbar stärker von den äußeren Zugehörigkeiten zum sozialen System „Religion“ vereinnahmt sind.

In Sure Al-Baqarah findet sich ein weiterer Vers, der sich diesem Thema annimmt und es gleichzeitig ausweitet. Im Vers 178 heißt es: „Nicht darin besteht Tugend, dass ihr euer Antlitz nach Osten oder nach Westen kehrt, sondern wahrhaft gerecht ist der, welcher an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und an die Engel und das Buch und die Propheten und aus Liebe zu Ihm Geld ausgibt für die Angehörigen und für die Waisen und Bedürftigen und für den Wanderer und die, die um eine milde Gabe bitten, und für (Loskauf der) Gefangenen, und der das Gebet verrichtet und die Zakât zahlt; sowie jene, die ihr Versprechen halten, wenn sie eins gegeben haben, und die in Armut und Krankheit und in Kriegszeit Standhaften; sie sind es, die sich als redlich bewährt haben, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

Der Vers widmet sich dem Unterschied zwischen äußerer Form des Gebets (vgl. funktional) und innerer Haltung (vgl. substanziell). Die Einhaltung der richtigen Form mag wichtig sein aber noch keine Tugendhaftigkeit. Dann leitet der Vers über zum inneren Glauben, der die wahre Tugend des Gebets ausmacht. Gleichzeitig ist dieser Vers Grundlage für die Glaubensartikel im Islam (fünf + eins, später) und in Teilen auch für die fünf Säulen der praktischen Handlung; hier schließt sich der Kreis wieder. Es lässt sich also eine Wertigkeit ableiten. Der innere Glaube erzeugt Tugendhaftigkeit, nicht die äußere Form. Aber letztere ist wiederum notwendig, damit sich der Glaube äußern kann. Beides ist also wichtig für den Gläubigen, die formale Rahmung (die fünf Säulen der Religion Islam; arab.: arkan-ul-islam à die funktionale Dimension) und der inhaltliche Gehalt (die Glaubensartikel; arab.: arkan-ul-iman à die substanzielle Dimension). Erst beides zusammen macht einen Gläubigen aus. Das eine Extrem (ein diffuser Glaube ohne Handlungskonsequenz) ist genauso schlecht wie das andere Extrem (strikte Einhaltung der äußeren Form ohne die nötige Weisheit und innere Haltung).

 

Warum ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig?

Gemäß dem islamischen Menschenbild ist das Ziel die Mündigkeit des Menschen. Das bloße Nachahmen von Handlungen und Riten (arab.: „taqlid“) ist von Gott nicht erwünscht. Die Wichtigkeit dieses Themas liegt in der Bewusstwerdung des Muslims darüber, dass eine Form der Religion, ob innere oder äußere alleine, nicht ausreichend ist. Heuchelei in der einen oder anderen Richtung ist sowohl aus göttlicher als auch aus gesellschaftlicher Sicht nicht zielführend für ein erfolgreiches und glückliches Leben.

Im Alltag sind muslimische Jugendliche in Deutschland einerseits konfrontiert mit konservativen Vorstellungen vom Verhalten eines Muslims, teils vermischt mit dem Ansehen der Familie innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und einem falschen Ehrgefühl. Das Bewahren der äußeren Form islamischer Handlungen wird zumeist von Seite der Gemeinschaft, bzw. der Familie und den Eltern als Pflicht des Kindes/Jugendlichen angesehen. Der innere Gemütszustand des Kindes / Jugendlichen spielt hingegen meist eine untergeordnete Rolle. Auf der anderen Seite steht die deutsche Mehrheitsgesellschaft, in der Religion per se als rückständig und Zeichen von Unaufgeklärtheit, sowie Bevormundung gedeutet wird. Hier steht folglich das andere Extrem, denn eine äußere Religionszugehörigkeit und das Befolgen religiöser Traditionen wird abgelehnt, während gleichzeitig Moral, Ethik und innerer Glaube grundsätzlich als positiv wahrgenommen werden.  Das Problem, vor das ein Kind/Jugendliche(r) dabei gestellt wird ist folglich zwiespältig: Entweder enttäusche ich meine Eltern und meine islamische Gemeinschaft oder die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft in meinem Heimatland. In beiden Fällen gibt es Probleme bei der Identitätsfindung des Kindes/Jugendlichen. Die Religion (Allah / Koran / Islam) versöhnt beide Seiten und betont deren Wichtigkeit und kann damit einen wichtigen Beitrag zu Identitätsfindung des Kindes/Jugendlichen beitragen.

 

Vielen Dank.

Friede sei mit Ihnen,

Volker Ahmad Qasir

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[1] nach William James, 1902

[2] nach Wilfred Cantwell Smith, 1964

[3] nach Charles Y. Glock, 1973

[4] nach Ninian Smart, 2009

[5] nach Behr, 2011

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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