Islamische Mystik – Die spirituelle Botschaft des Islams

In weiten Teilen der Öffentlichkeit wird der Islam heute als starre Religion wahrgenommen, der es hauptsächlich darum gehe, die gläubigen Menschen durch einen festen Kanon von religiösen Gesetzen und Verboten „geradezubiegen“. Der eigene Wille solle gebrochen und jegliche dem Menschen innewohnende Freiheit den Vorgaben Gottes unterworfen werden. Nur so könne der Mensch das Feuer der ewigen Verdammnis, genannt Hölle, vermeiden, wo ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen würde und nur so könne er ins Paradies eingehen, um sich dort ewiglichen fleischlichen Begierden hinzugeben, wie dem massenhaften Konsum von Wein, Milch und Honig oder sexuellen Ausschweifungen mit willigen Jungfrauen.

Derartige Vorstellungen sind wahren Gläubigen fremd, begünstigt ein solches Verständnis von Gott und seiner Religion doch vielmehr Heuchelei als eine spirituell und moralisch hochwertige Entwicklung, denn indem er im Diesseits all die genannten, als Laster zu bezeichnenden, Dinge aufgibt, gleichzeitig aber für das Jenseits auf genau diese Dinge hofft, betrügt sich ein solcher Falsch-Gläubiger nur selbst und zeigt ein sehr verquertes Verständnis von der Heiligkeit unseres geliebten Schöpfers.

Trotzdem gibt es solch dogmatische Glaubensvorstellungen nicht nur im Islam, sondern genauso auch in vielen anderen Religionen. Diese Orthodoxie entstand durch die bloße Übernahme von Glaubenspraktiken und rein äußerlichen gottesdienstlichen Handlungen, ohne jedoch den tieferen Sinn dieser zu begreifen, noch die damit verknüpften Erkenntnisse und spirituellen Segnungen zu erfahren.

Genau hier setzt die islamische Mystik, auch Sufismus genannt, an. Während unwissende Menschen im Laufe der Zeit die Religion auf ihre äußere Form reduzierten, traten immer wieder heilige Persönlichkeiten auf, die im Gegensatz zur äußeren Form vor Allem die Wichtigkeit des Inhalts, also des religiösen Wesens und somit auch den eigentlichen Sinn und Zweck der Religion betonten. Die prominentesten Personen waren dabei natürlich die Propheten selbst, insbesondere der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm), die ihm nachfolgenden „Rechtgeleiteten Kalifen“ (die Al-Khulafa Ar-Raschidun), die Mudschadidden (die islamischen Reformer oder Erneuerer), sowie weitere islamische Heilige.

Am besten kann man das Wesen der islamischen Mystik wohl aanhand der beiden als zentral zu erachtenden Aspekte „Erkenntnis“ und „Liebe“ in Bezug auf Gott erklären…

Erfahrung und Erkenntnis Gottes

Die islamische Mystik sieht die Religion als Geschenk Gottes, welches Er den Menschen aufgrund Seiner Gnade und Liebe uns gegenüber gegeben hat, damit wir Menschen Ihn, unseren Schöpfer, erkennen und in Seine Nähe gelangen können. So heißt es in einer islamischen Überlieferung (Hadith), dass Allah sagte: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden.“[1]

In diesem Sinne haben auch das Vorbild des Heiligen Propheten Muhammad (saw), sowie das anderer Propheten und islamischer Heiliger, sowie auch die Lehren des Heiligen Qurans nur den einen Zweck, dem Menschen zur Erkenntnis Gottes zu verhelfen, ihn dadurch zu läutern und den Menschen so zu innerem Frieden und zu Glückseligkeit zu verhelfen.

In seinem Buch „Das Elixier der Glückseligkeit“ (Kimiya – i – Sa`adat) beschreibt der islamische Heilige und Reformer Abu Hamid Al-Ghasali diesen Weg des Menschen von dem ersten Schritt der Selbsterkenntnis über die Erkenntnis Gottes hin zur Liebe Gottes durch eben dessen Erkenntnis als Schlüssel für ewigliche Glückseligkeit. Ein wichtiger Punkt, der gleichzeitig für potentielle Spannungen zwischen islamischer Orthodoxie und islamischer Mystik sorgt, ist dabei das Verhältnis von religiösem Wissen zu innerer Erfahrung.

Al-Ghasali schreibt:

„Aus dem bisher Gesagten ist die Würde der Substanz des menschlichen Herzens klar geworden, und ebenso auch, worin der Weg der Sufis besteht. Wenn du aber die Sufis hast sagen hören, dass das gelehrte Wissen eine Scheidewand vor diesem Wege sei, und dieses abgestritten hast, so streite diese Behauptung nicht mehr ab, denn es ist die Wahrheit.“[2] […] „Die Ursache des Entstehens der Scheidewand aber ist dies: Wenn jemand den Glauben der Leute der Sunna und die Beweise dafür, so wie sie in der Disputation und Dialektik ausgesprochen werden, gelernt hat und sich allein darauf verlässt und meint, außer diesem seinem Wissen gäbe es kein anderes Wissen mehr und, wenn in seinem Herzen sich etwas anderes regt, sagt: „Das widerspricht dem, was ich gehört habe, und alles, was dem widerspricht, ist falsch“, so ist es unmöglich, dass einem solchen Menschen die Wahrheit der Dinge offenbar werde. Denn jene Glaubenssätze, die das gemeine Volk lernt, sind nur das Gehäuse für die Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst.“[3]

Gemäß der islamischen Mystik ist ein durch innere Erkenntnis gesegneter Gläubiger besser, da er nach dem tieferen Sinn der Religion sucht und aktiv danach handelt. Dennoch ziehen auch solche Menschen Nutzen aus den islamischen Lehren, die lediglich die äußerlichen Gebote und Gesetze annehmen und nach diesen leben, wenngleich auch auf einer anderen Rangstufe vor Gott. Eine berühmte Aussage Jalalluddin Rumis behandelt dieses Thema mit Bezug auf den Heiligen Quran. So sagt Rumi:

„Der Koran ist ein doppelseitiger Brokat. Einige genießen die eine Seite, andere die andere. Beide sind wahr und richtig, da Gott der Erhabene wünscht, dass beide Arten Leute daraus Nutzen ziehen sollten, in gleicher Weise, wie eine Frau einen Gatten und einen Säugling hat. Jeder der beiden genießt sie auf eine andere Art: der Säugling hat Genuss an Brust und Milch, der Gatte an Schlafen, Kuss und Umarmung. Manche Menschen sind Säuglinge auf dem Pfad und Milchtrinker; sie haben Freude am wörtlichen Sinn des Koran. Aber jene, die Männer sind und Vollkommenheit erreicht haben, besitzen einen anderen Genuss und ein anderes Verständnis für die inneren Bedeutungen des Koran.“[4]

 

Liebe zu und Vereinigung mit Gott

Neben der Erkenntnis Gottes spielt in der islamischen Mystik vor Allem die Liebe eine bedeutende Rolle, denn wenn der Mensch erkannt und erfahren hat, dass Gott den Menschen mit vielen materiellen wie immateriellen Dingen umsorgt und wie groß entsprechend die Liebe Gottes gegenüber seinen Geschöpfen, insbesondere gegenüber den Menschen, sein muss, dann kommt der Mensch nicht umhin, diesen barmherzigen und liebevollen Schöpfer ebenfalls hingebungsvoll zu lieben.

Auf dieser Basis hat sich in der islamischen Mystik das Motiv von Geliebtem und Liebendem entwickelt. Der Geliebte (Gott) ist in der diesseitigen Welt weit entfernt vom Liebendem (dem Gläubigen), weswegen der Gläubige nach der Vereinigung mit seinem Schöpfer, dem Geliebten strebt. Diese Liebes-Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist jedoch keineswegs einseitiger Natur, sondern auch Gott verlangt es nach der Vereinigung mit seinem Diener, denn: „Kein Liebender“, so Rumi, „würde selbst Vereinigung suchen, Wenn sein Geliebter sie nicht suchte!“[5]

Entsprechend häufig ist die Liebe Objekt zahlreicher mystischer Gedichte und Erzählungen, denn allein die Liebe ist die einigende Kraft in der Welt, welche keine Trennung bestehen lässt. Gleichzeitig führt die Kraft der Liebe eine Veränderung in der Seele des Liebenden durch, denn jegliche Handlung, die den Geliebten enttäuscht oder verletzt wird vom Liebenden verabscheut und abgelegt, damit diese nicht zwischen ihm und dem Geliebten steht. Der böse Trieb wird geläutert und der einstige Dieb wird zum Polizisten, der gleichzeitig allen Polizisten überlegen ist, da er selbst die Erfahrungen der Diebeskunst gemacht hat und daher sämtliche Sitten und Tricks der Diebe kennt. Die Verführungen der Diebeskunst haben deshalb keinen Einfluss mehr auf ihn[6] – sprich: durch die Liebe zu Gott haben die verführerischen Sündhaftigkeiten und Laster der diesseitigen Welt keinerlei Einfluss mehr auf den liebenden Gläubigen, denn er kennt ihren Gehalt und ihre Wirkungsweise. Gleichzeitig kennt der die Glückseligkeit der Liebe Gottes, wodurch die Sündhaftigkeiten und Laster ihre Anziehungskraft verloren haben, da der Liebende in der Liebe Gottes etwas Besseres gefunden hat.

Vervollkommnet wird die Vereinigung des Liebenden mit seinem Geliebten schließlich durch die Aufgabe des eigenen Selbst, des Egos, sodass die Wünsche des Geliebten die eigenen Wünsche werden und der Liebende mit dem Geliebten verschmilzt, wodurch der Trennungsschmerz überwunden und das Ziel der Vereinigung erreicht wird. Rumi beschreibt diesen Prozess eindrucksvoll in einem seiner Gedichte. Sie handelt von dem Liebenden, der an die Tür des Geliebten kommt, jedoch noch an seinem eigenen Ego festhält. Erst wenn das eigene Selbst aufgegeben wurde kann die Tür zum Geliebten schließlich geöffnet werden:

„Es klopfte einer an des Freundes Tor

Wer bist du, sprach der Freund, wer steht davor?

Er sagte: Ich; Sprach der: so heb dich fort –

An diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!

Den Rohen kocht das Feuer – Trennungsleid –

Das ists, was ihn von Heuchelei befreit!

Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,

Im Trennungsfunken brannt er ganz und gar.

Reif kam dann der Verbrannte von der Reise,

Daß wieder er des Freundes Haus umkreise.

Er klopft ans Tor mit hundertlei Acht,

Daß ihm entschlüpf‘ kein Wörtlein unbedacht.

Es rief der Freund: Wer steht dort vor dem Tor?

Er sagte: Du Geliebter, stehst davor!

Nun, da du Ich bist, komm o Ich, herein –

Zwei Ich schließt dieses enge Haus nicht ein!“[7]

Gerade die Selbstaufgabe durch die Vereinigung mit Gott ist uns schon von früheren Propheten und Heiligen bekannt, beispielsweise durch die jüdischen Psalme, in denen die Propheten selbst als Gott bezeichnet werden (Psalm 8:6) oder durch Jesus‘ berühmten Satz: „Ich und Gott sind eins“ (Johannes, 10:30).

 

Konflikte zwischen islamischer Orthodoxie und islamischer Mystik

So wie schon Jesus (Friede sei auf ihm) mit dieser seiner Aussage die jüdische Orthodoxie provozierte, kam und kommt es immer wieder zu Missverständnissen oder größeren Konflikten, wenn orthodoxe und mystische Vorstellungswelten aufeinanderprallen. Dieser die Orthodoxie provozierende Charakter wurde beispielhaft deutlich an der Person des islamischen Mystikers Halladsch, der zum ersten sufistischen Märtyrer wurde. Halladsch wurde im Jahr 922 n.Chr. hingerichtet, nachdem er behauptete „Ana’l Haqq“ (Ich bin die Wahrheit), was gleichbedeutend verstanden wurde mit „Ich bin Gott“, da Al-Haqq (die Wahrheit) einer der Eigennamen Gottes ist.[8] Wie Rumi in seinem „Fihi ma Fihi“ jedoch klar stellt, war Halladsch, der von der Orthodoxie für größenwahnsinnig und egoistisch gehalten wurde, in Wahrheit demütiger als jeder andere seiner Zeitgenossen, denn er tötete sein eigenes Selbst, um völlig in Gott ergeben zu sein. Auch die berühmte Mystikerin Rabia von Basra sah den behindernden Charakter einer fanatisch-orthodoxen Vorstellung des Jenseits. Demnach trennten die Angst vor dem Höllenfeuer und der Wunsch auf die Freuden des Himmels den Menschen von der wahren Liebe zu seinem Schöpfer. Deshalb zog Rabia der Legende nach durch die Straßen von Basra mit einem Eimer Wasser in der einen und mit einer brennenden Fackel in der anderen Hand, wobei sie sprach: „Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Seiner ewigen Schönheit willen.“[9]

Gerade auch in unserer heutigen Zeit, in der die orthodoxen und extremen Gruppierungen innerhalb des Islams, nicht zuletzt aufgrund der westlichen Außenpolitik, immer größeren Einfluss erlangt haben, wird der Sufismus als unislamisch verurteilt. Seitens der Orthodoxie wird der Sufismus zumeist verbunden mit der Einführung schlechter, unislamischer Neuerungen (Bid’a), wie extatischen Tänzen, Alkohol-Orgien und anderen verführerischen Sitten. Den Sufismus, also die islamische Mystik, kann man jedoch nicht als eine im Laufe der Geschichte entstandene Bewegung oder gar Gruppierung bezeichnen, da streng genommen sowohl der Heilige Prophet Muhammad (saw) als auch seine Gefährten bereits „Sufis“ waren, da sie alle gottesdienstliche Handlungen aufgrund durchdrungener Erkenntnis und Gottesliebe darbrachten. Der Begriff des Sufismus entstand erst später und geht zurück auf das Wort „suf“ (von arabisch: Wolle), welches einen Hinweis auf die asketische Lebensweise der ersten Sufis und Mystiker gibt, die ein asketisches Leben führten und entsprechend einfache Gewänder aus Wolle trugen.[10] Die Anhänger des Sufismus, (arabisch:) Sufi oder auch (persisch:) Derwisch genannt, lebten zumeist abseits der normalen Gesellschaften als Einsiedler, später aber auch unter Ihresgleichen in sufistischen Ordensverbänden.

Während die wahren und rechtschaffenden islamischen Mystiker stets ihre Verbundenheit mit den islamischen Lehren und Geboten betonten, wie z.B. Rumi, dem das Gebet so wichtig war, dass er selbst ganz zum Gebete wurde[11] oder wie Al-Ghazali, der sich bei seinen Ausführungen stets an den Versen des Heiligen Qurans und an dem Heiligen Propheten Muhammad (saw) als großes Vorbild orientierte, kann man das heute wie früher nicht von allen sogenannten Sufis sagen, denn damals wie heute gab und gibt es solche, die mit den wahren Lehren des Islams tatsächlich nicht viel gemein haben und tatsächlich den Weg des Islams verlassen. Über solche Menschen sagt Al-Ghazali, dass sich „diese nichtigen Libertinisten und Heuchler“ lediglich ein paar hochtönende sufische Redensarten angeeignet haben, gleichzeitig aber das Wissen und die Gottesgelehrten schmähen, während Gott und sein Gesandter (saw) doch dazu aufgerufen haben, nach Wissen zu streben. „Ein solcher Mensch“, so Al-Ghazali „gleicht einem, der gehört hat, dass das Elixier besser ist als das Gold, weil man damit unendlich viel Gold herstellen kann, und der dann, wenn man Schätze von Gold vor ihm ausbreitet, nichts davon nehmen will, sondern sagt: „Wozu taugt das Gold, was hat es für einen Wert? Das Elixier muß man haben, aus dem das Gold entsteht“, und das Gold nicht nimmt, obwohl er das Elixier nie im Leben gesehen hat und nichts davon weiß. Er bleibt ein Betrüger und Bankrotteur und Hungerleider und hat nur sein kindliches Vergnügen an dem an sich richtigen Satz, dass das Elixier besser ist als Gold, und macht ein großes Geschwätz darüber.“ [12]

Und tatsächlich haben solche falschen Mystiker der Orthodoxie Anlass zur Wachsamkeit gegeben. Als Beispiel hierfür lassen sich die extatischen Aufzählungen der Namen Allahs heranziehen. Diese als „Dhikr“ (Gedenken) bekannte gottesdienstliche Handlung bezeichnet ursprünglich die Aufzählung der Namen Allahs, um sich so die Eigenschaften Allahs zu vergegenwärtigen und Ihm auf diese Weise Achtung und Ehrerbietung zu erbringen. Einige Sufis entwickelten verschiedene Formen des „Dhikr“, z.B. das laute Schreien der Namen Allahs oder sufistische Tänze, bei denen die Namen Allahs in extatischem Rhythmus gesungen werden, meist werden dabei auch der Kopf und sämtliche Gliedmaßen wie in einem Rausch herumgewirbelt.[13] Dadurch wurde die ursprüngliche Form vergessen, wodurch auch der eigentliche Sinn des „Dhikr“ entstellt wurde.

Über das Verhältnis von Form zu Inhalt eines religiösen Gebots sagte Jalalluddin Rumi einst: „Trink, was in dem Glas ist“.[14] Gemeint ist die Tatsache, dass das Wichtige der Inhalt ist, dieser jedoch die äußere Form (das Glas) benötigt, damit man den Inhalt auf die richtige Art und Weise zu sich nehmen kann, ohne dass etwas davon verloren geht oder er verunreinigt wird.

Da sich der heutige Sufismus stark von dem der früheren islamischen Mystiker unterscheidet und tatsächlich eine Vielzahl seltsamer unislamischer Praktiken eingeführt hat, ist die ablehnende Haltung orthodoxer islamischer Gruppen zumeist sogar begründet. Wie auch in der Religion insgesamt, geschah es auch im Sufismus, dass unwissende Menschen im Laufe der Zeit den ursprünglich richtigen Inhalt der islamischen Mystik in neues Glas umfüllten, um bei der Metapher des Glases zu bleiben. Der Inhalt wurde inzwischen vergessen und nun wurde die neue, aber unislamische, äußere Form zum Gegenstand der Verehrung gemacht, wodurch der Geist der islamischen Mystik kaum noch aufzufinden ist.

 

Fazit / Zusammenfassung

Der Islam ist der Weg der Mitte und daher sind äußere Form und Inhalt untrennbar vereint für einen Muslim. Tatsächlich aber ist die äußere Form nur das Mittel zum Zweck. Wird die äußere Form überbetont geht der Inhalt verloren oder verliert seine Wichtigkeit. Dies kann zu einer Zweckentfremdung der Religion führen. Der Verdienst der islamischen Mystik, der frühen Sufis und Heiligen ist es, das Bewusstsein für das, was wirklich wichtig ist, also das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Inhalts den Menschen zurückgebracht zu haben. Die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Ihm sind hierbei die zentralsten Aspekte des Islams und die wichtigsten Glaubensinhalte. Die islamische Mystik will dabei klar machen, dass es nicht die Formlosigkeit oder die Aufhebung der Form ist, die das Ziel des Strebens ist, „sondern das Einswerden mit Dem, Der Form wie Nichtform geschaffen hat, Der Schöpfer ist. Durch Ihn wird der Muslim verstehen können, was Islam wirklich bedeutet, nämlich die Einheit des Menschen in der Einheit des Propheten, in dem die Menschheit eins wurde, eine Einheit, die der anderen Einheit inne wird, die möglich wurde durch Vereinigung mit der Einheit des Allmächtigen Gottes, der Paradies ist, in Dem die Trennung aufgehoben ist, durch Den sie aber auch erkannt wird.“[15]

Um diese Einheit jedoch zu erlangen, muss der Muslim die Anstrengungen auf sich nehmen, die mit dem Befolgen der islamischen Gebote einhergehen. Erst dann wird der Mensch merken, dass er durch das Aufgeben angeblicher Freiheit tatsächliche Freiheit erlangt, indem er sich mit dem Geliebten, dem Schöpfer, vereinigt und dass dies der Schlüssel zu tatsächlichem inneren Frieden und zu innerer Glückseligkeit ist. Dies zu beschreiben ist schwer, denn Liebe kann nicht beschrieben werden und doch versuchten sich viele Mystiker und Dichter daran, doch, um diesen Vortrag mit den Worten von Maulana Jalalluddin Rumi abzuschließen kann man zusammenfassend nur sagen: „Der, der es nicht erlebt, der wird es nie erfahren“.[16]

 

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[1] Vgl. Schimmel, A., Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer, Kreuzlingen/München 2004, S. 174

[2] Al-Ghasali, A., Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/München 2004, S. 61

[3] Al-Ghasali, A., Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/München 2004, S. 62

[4] Schimmel, A., Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer, Kreuzlingen/München 2004, S. 48

[5] Schimmel, A., Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer, Kreuzlingen/München 2004, S. 182

[6] Vgl. Schimmel, A., Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer, Kreuzlingen/München 2004, S. 176

[7] Hübsch, H., Islamische Mystik, Frankfurt am Main, 1997, S. 13-14

[8] Al-Ghasali, A., Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/München 2004, S. 8

[9] Schimmel, A., Gärten der Erkenntnis – Das Buch der vierzig Sufi-Meister, München, 1995, S. 21

[10] Vgl. Schimmel, A., Vorwort in: Al-Ghasali, Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/München 2004, S. 7

[11] Vgl. Schimmel, A., Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer, Kreuzlingen/München 2004, S. 152

[12] Vgl. Al-Ghasali, A., Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/München 2004, S. 63

[13] Vgl. Ahmad, H.M.B., Remembrance of Allah, Islamabad/Tilford, 2003, S. 10

[14] Vgl. Hübsch, H., Islamische Mystik, Frankfurt am Main, 1997, S. 5

[15] Hübsch, H., Islamische Mystik, Frankfurt am Main, 1997, S. 12-13

[16] Hübsch, H., Islamische Mystik, Frankfurt am Main, 1997, S. 3

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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