Gehört der Islam zu Deutschland? – Nur eine Frage der Integration!?

Seit knapp sechs Jahren führen wir in Deutschland eine Debatte um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Zwar haben ihn auch früher schon verschiedene Politiker gesagt, beispielsweise Wolfgang Schäuble zur Eröffnung der Islamkonferenz im Jahr 2006. So richtig entfacht wurde die Diskussion aber durch den Satz unseres damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der im März 2010 anlässlich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit sagte: „Der Islam gehört zu Deutschland!“ Nachdem die Diskussionen, die aufgrund dieser Aussage sowohl im Internet als auch in den öffentlichen Medien losbrach, abflachte, zitierte unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Satz Christian Wulffs erneut im vergangenen Jahr 2015 und das gleich zweimal. Nach den Anschlägen der Terroristen des IS in Paris im Januar und dann noch einmal im Juli 2015, symbolträchtig während des islamischen Fastenmonats Ramadan, bei einem Empfang, wo sie sagte: „Es ist offenkundig, dass der Islam inzwischen unzweifelhaft zu Deutschland gehört.“

Nun im Jahr 2016 führen wir diese Diskussion erneut. Diesmal angeheizt durch das vorläufige Wahlprogramm der rechtspopulistischen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die das Thema ganz oben auf ihre Agenda gesetzt und es im Mai 2016 auf ihrem Parteitag quasi zu ihrem zukünftigen Hauptthema erklärt hat. Dabei ist wohl nicht notwendig zu erwähnen, dass die AfD im Gegensatz zu Wulff und Merkel diese Frage nicht mit einem JA beantwortet, sondern mit einem NEIN: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“

Dem interessierten Beobachter fällt möglicherweise sofort auf, dass sowohl die „PRO-“ als auch die „CONTRA-Seite“ stets an der eigentlichen Frage vorbei diskutiert. Bei der Beantwortung der Frage geht es den oben genannten Protagonisten nicht um die kulturelle und geschichtliche Entwicklung Deutschlands und den Einfluss, den „DER ISLAM“ oder „DIE MUSLIME“ auf selbige hatten. Vielmehr ist die Frage zu einer ideologischen stilisiert worden, in der es um erfolgreiche, bzw. erfolglose Integration von muslimischen Ausländern und Ausländerinnen geht.

Ich als „Bio-Deutscher“ und Muslim zugleich finde diese Debatten nicht nur dämlich, sondern auch nicht zielführend. Allein die Frage ist grundsätzlich schon eine falsche! Solange man fragt, ob der Islam zu Deutschland gehört, behandelt man den Islam als Fremdkörper – selbst wenn man diese Frage mit JA beantwortet ist sie schlichtweg fehl am Platz. Und was soll ein JA oder ein NEIN überhaupt beantworten?

Ich stimme der AfD zu, wenn sie in ihrem Parteiprogramm schreibt: „Einer islamischen Glaubenspraxis, die sich gegen die freiheitlich‐demokratische Grundordnung, unsere Gesetze und gegen die jüdisch‐christlichen und humanistischen Grundlagen unserer Kultur richtet, tritt die AfD klar entgegen.“ Dieser Aussage stimme ich voll und ganz zu. Da bin ich dabei. Das Problem ist nur, dass die AfD davon ausgeht, dass jegliche islamische Glaubenspraxis gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sein müsste. Alles andere wäre entweder kein „richtiger“ Islam, bzw. keine „richtigen“ Muslime (und deshalb auch von der AfD akzeptiert) oder nur Speichelleckerei der entsprechenden Muslime, die sich nur äußerlich „integriert“ geben würden aber eigentlich Böses im Schilde führen.

Integration ist jedoch keine Frage der Religion. Es ist eine Frage der Kultur, des politischen Systems, der Traditionen, in denen man aufgewachsen ist und des Bildungsgrads. So gibt es auch in meiner islamischen Gemeinde in Fulda Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten. Und das obwohl wir alle Muslime sind, sogar Muslime der gleichen konfessionellen Ausrichtung. Aber es gibt bei uns eben deutsche Muslime, arabisch-stämmige Muslime, pakistan-stämmige Muslime, indisch-stämmige Muslime, russisch-stämmige Muslime, darunter kommen wiederum manche aus Großstädten (die deutschen Städten ähnlich sind), manche aus ländlichen Gegenden (in denen es keine Schulen, keine staatlichen Strukturen, keine Infrastruktur gibt) und manche der Muslime mit Migrationshintergrund sehen Deutschland als ihr Heimatland an und manche Pakistan und manche beide Länder; wiederum befinden sich manche der genannten Personen in der ersten Einwanderungsgeneration, manche in der zweiten und manche sogar in der dritten. Manche sind sehr gebildet und haben innerhalb von wenigen Monaten Deutsch gelernt. Andere aber sind ungebildet und wieder andere sind nicht nur ungebildet, sondern auch vollkommen uninteressiert an irgendeiner Art von Integration in die deutsche Gesellschaft. Das alles gibt es und das redet ja auch niemand klein!

Aber diese genannten Probleme liegen eben nicht am Islam als Religion. Im Gegenteil, die Erfahrung, die ich in meiner Gemeinde immer wieder gemacht habe ist die, dass gerade der Islam als unsere Religion, als unsere gemeinsame Basis uns dabei hilft, Verständnisschwierigkeiten und Probleme zu beseitigen. Wenn wir uns in der Gemeinschaft auf die Werte des Islam besinnen, spielen kulturelle Unterschiede keine Rolle mehr. Es ist unwichtig ob jemand arm oder reich, schwarz oder weiß, aus Pakistan oder aus Deutschland, aus einem Dorf oder einer Stadt, gebildet oder ungebildet ist. Tun wir das aber nicht, bleiben die Schwierigkeiten und Vorbehalte bestehen und zerstören die sozialen Beziehungen – auch unter uns Muslimen.

Es liegt also nicht am Islam als Religion, wenn es „Probleme“ mit „Muslimen“ gibt. Wenn überhaupt könnte das an „dem Islam“ als „soziales System“ liegen – das wäre mal interessant zu untersuchen, denn meistens ist es genau das worüber in der Öffentlichkeit gesprochen wird, wenn von „dem Islam“ gesprochen wird. Aber selbst das wäre dann nicht „der Islam“ oder „der orthodoxe Islam“ oder „der pakistanische Islam“. Es wäre nicht einmal „der orthodoxe pakistanische Islam aus der Stadt XYZ“, vielleicht wäre es „der orthodoxe pakistanische sunnitische hanafitische städtische Islam, der Familie Mustafa des Sohnes Raschid im Jahr 2016 in der Einwanderungsgesellschaft in Deutschland…“ Es ist schon manchmal komisch, wie wir in unserer individualistischen Gesellschaft bei „Anderen“ nicht das Individuum berücksichtigen. Wir tun so als wären alle Angehörigen der „anderen“ Gruppe gleich – aber warum sind dann nicht alle Fuldaer oder Hessen oder Deutschen gleich? Sicher mag es äußerliche Ähnlichkeiten geben und kulturelle Traditionen oder Redensarten, durch die man sich schneller verstanden fühlt.

Abschließendes Fazit also? Gehört der Islam zu Deutschland – aus Sicht der Integrationsfrage: JA aber auch NEIN! Ja, weil hier Muslime wohnen und Ja, weil der Islam vielfältig ist und die rein äußerliche Religionszugehörigkeit nur sehr wenig mit der Integrationsbereitschaft zu tun hat. JA, weil die große Mehrheit der Muslime „den Islam“ mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbaren kann (…was wiederum aber nicht für alle Deutschen zutrifft; mmh… darüber könnte man mal weiter nachdenken…!?). NEIN aber überall dort, wo Menschen „den Islam“ als Werkzeug zur Abgrenzung und Integrationsverweigerung missbrauchen. NEIN auch überall dort, wo Menschen sich der Integration in die deutsche Gesellschaft verweigern, weil sie haltlos behaupten, sie seien als Muslime „bessere Menschen“, nur weil sie rein äußerlich dem System: „Islam“ angehören.

Aus Sicht der Integration kann man also tatsächlich darüber streiten, ob man die Frage mit JA oder NEIN beantworten soll. Dies gilt aber nicht für die tatsächliche und inhaltliche Beantwortung der Frage, also die Beantwortung der Frage: „Gehört der Islam zu Deutschland“ in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext. Dieses ist aber ein sowohl um einiges spannenderes wie auch ein um einiges umfangreicheres Thema, welchem ich mich aber dennoch an anderer Stelle in einem eigenen Artikel widmen möchte – inschallah (so Gott will).

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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2 Antworten zu Gehört der Islam zu Deutschland? – Nur eine Frage der Integration!?

  1. SalvaVenia schreibt:

    Meiner einer sieht das etwas anders. Integration bedeutet m.E. immer Abgrenzung, da ich dem Gegenüber zwar bestimmte Eigenheiten und Überzeugungen zubillige, aber immer unter Vorbehalt. Das, was eigentlich angestrebt ist und auch werden sollte, ist Assimilation. Da die unsägliche Political Correctness diesesen Begriff nicht erlaubt, wird als Ersatzbegriff der Terminus „Integration“ verwendet.

    Insofern ist die sogenannte Debatte um „Integration“ in Wirklichkeit eine dezidiert unaufrichtige, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

    „Gehört der Islam zu Deutschland?“ ist selbstverständlich eine komplett sinnfreie Fragestellung. Da ist meiner einer vollkommen bei Ihnen. Und das haben Sie ja auch sehr schön ausgeführt, warum das so ist. Also auch hier wieder eine reine Ablenkungsmasche.

    Ihr Fazit einer Unterscheidung zwischen Gründen für ein Ja respektive ein Nein halte ich indes für gefährlich, weil dadurch genau die Spaltung und Gruppenzuordnung stattfindet, die seit altersher von den powers-to-be verwendet wird, um die Menschen auseinanderzudividieren und so Haß, Neid und Mißgunst sät. Ist halt immer wieder die alte Leier, diejenigen, die uneins sind, lassen sich umso leichter beherrschen, ausbeuten, versklaven usw, usf.

    Es ist auch eher unverständlich, warum sie die Legitimation dieser Frage zuerst bestreiten und sich dann gleichwohl der Mühe unterziehen, diese selbige dann irgendwie doch beantworten zu wollen. So schaut es doch danach aus, als ob Sie sich einige wenige Sätze weiter praktisch selbst den Boden unter den Füßen wegziehen …

    Kurzum, die Pseudofrage „Gehört der Islam zu Deutschland?“ ist m.E. nichts als Rabulistik oder „Derailing“. Ebensogut können Sie die Frage stellen, ob neoplatonische Hermetik, französischer Weichkäse oder die nordkoreanische Krüppelkiefer zu diesem Lande gehören. 🙂

    Mit freundlichen Grüßen
    Der Salva

  2. Pingback: Gehört der Islam zu Deutschland? – Eine Frage der Geschichte | www.Qasir.de

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