Das neue Feindbild Islam: Die bösen bösen Salafisten

Es geht doch nichts über ein gutes Feindbild. Feindbilder helfen Menschengruppen seit jeher bei der Herausbildung einer („idealen“) Identität, schweißen immer pluralistischer werdende Gesellschaften zusammen, rufen in weiten Teilen der Bevölkerung mit Hilfe von Bedrohungsszenarien Ängste hervor, appellieren somit an menschliche Urinstinkte und lenken zudem die Aufmerksamkeit weg von innenpolitischem Versagen in den verschiedensten Lebensbereichen. Gerade in Zeiten des Umbruchs scheint man ohne ein zusammenschweißendes Feindbild nicht mehr auszukommen. Das schaffte man früher nicht und heute schon gar nicht mehr. Seltsamerweise spielten stets fremde Religionen dabei eine besondere Rolle… 

So steigt zu Beginn des Mittelalters ein fränkischer Heerführer – ungeachtet seiner vorherigen Metzeleien unter christlichen Glaubensgenossen – bei der Schlacht von Tours zum „Erretter des Abendlandes“ auf, weil er die machthungrigen Moslems besiegt und die „Islamisierung“ Europas“ quasi gerade so noch abwehren kann. Auch die „Türken vor Wien“ nähren bis heute das Feindbild Islam. [Im Übrigen scheint es stets völlig egal zu sein, ob es sich bei den Angreifern um Moslems, Araber, Türken, Perser oder eine Herrschafts-Dynastie wie die Osmanen handelt… und natürlich sind auch nur die Moslems machthungrig, nicht aber die christlichen Europäer – überhaupt ist es bei dem hier verlinkten WELT-Artikel sehr lohnenswert, einmal die vom Autor verwendete Sprache zu untersuchen; hier kann man einiges darüber lernen, wie Geschichtsschreibung funktioniert und welchen Zweck sie verfolgen kann: Zum Beispiel kommen die Araber/Muslime in „entlangwälzenden Haufen“, sind „grausam und zahllos“ und „verspeisen mit Vorliebe Herz und Leber ihrer gefallenen Gegner“ ]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging dann wieder einmal die Angst vor fremden Religionen um in Europa: „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ war ein Gemälde von Hermann Knackfuß, mit dessen Hilfe der preußische Kaiser Wilhelm II. den russischen Zaren Nikolaus II. dazu animieren wollte, gemeinsam als europäische Christenheit, den gottlosen Buddhismus zu bekämpfen, der als „gelbe Gefahr aus dem Osten“ wahrgenommen wurde (man beachte den Buddha, der auf bedrohlichen Gewitterwolken rechts im Bild daherkommt).

Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter! (Hermann Knackfuß)

Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter! Hermann Knackfuß, 1895 (Quelle: wikipedia.de)

Die Geschichte des Feindbilds „Judentum“ in Europa sollte wiederum geläufiger sein. Seit dem Mittelalter ranken sich diverse Verschwörungstheorien um die „Heilandsmörder“. Die Auswirkungen solcher Feindbilder wurden gerade am Judentum überdeutlich und leider gibt es sie noch heute – dem Massaker der Nationalsozialisten an den Juden Europas zum Trotz. Und noch immer hat ein Großteil nicht gelernt, zwischen individuellen Menschen, ihrer Volkszugehörigkeit und ihrer Religionszugehörigkeit zu differenzieren. Wo wir wieder im Hier und Jetzt und beim Islam wären…

Salafisten!? Das sind doch die bösen Moslems, oder?

Nicht erst seit dem 11. September 2001 wurde der Islam erneut zum Feindbild eines sich im Umbruch befindenden Europas auserkoren – aber seit den Anschlägen auf die Twin-Towers in New York wurde es wieder besonders deutlich hervorgehoben. Glücklicherweise hat sich das aber in den letzten zwei bis drei Jahren merklich verändert. In der Bevölkerung und somit auch in der Medienlandschaft (oder umgekehrt) hat sich ein Umdenken breit gemacht. Seit Bundespräsident Christian Wulff im Jahr 2010 sagte, der Islam gehöre zu Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel dies im Jahr 2015 sogar zweimal öffentlich bekräftigte, gibt es das Feindbild „Islam“ nicht mehr. Naja, nicht mehr in der Form wie vorher. Es gibt nun ein neues Feindbild: die „Salafisten“. Die Muslime sind, zumindest aus Sicht der Fremdzuschreibung, gespalten in die „guten Muslime“ (das ist die Mehrheit der Muslime) und die „bösen Muslime“ (das sind die „Salafisten“). Und weil Schwarz-Weiß-Malerei zwar aus Mediensicht einfacher ist, da der Medienrezipient nicht lange nachdenken muss, der Fehler im System aber konsequenterweise trotzdem beibehalten und noch immer undifferenziert berichtet wird, möchte ich gerne einmal die sich hierbei ergebenden Probleme erläutern.

Folge ich nicht nur der Argumentation zahlreicher von mir latent wahrgenommener Zeitungsartikel und Fernsehberichte, sondern z.B. auch konkret der vom Verfassungsschutz organisierten Wanderausstellung „Die missbrauchte Religion – Islamisten in Deutschland“, welche Anfang Dezember 2014 auch in Fulda Halt machte und die ich mit großem Interesse besucht habe, dann besteht der Unterschied zwischen den „guten“ und den „bösen“ Muslimen scheinbar vor Allem darin, dass sich die „bösen“ Muslime an ihre Religion halten, während die „guten“ Muslime das weniger tun oder den Islam eher allgemein-spirituell verstehen. Es mag nicht in der Absicht medialer Berichterstatter oder – wie in diesem Fall – des Verfassungsschutzes liegen, ein solches Bild zu produzieren, aber dieser erste Eindruck hält sich doch hartnäckig. Gerade bei der genannten Ausstellung wird auch z.B. gar nicht zwischen „der Scharia“ und dem „islamischen Recht“ unterschieden! Dieser Punkt ist aber sehr wichtig und an anderer Stelle habe ich bereits ausführlich hierzu etwas geschrieben. Deshalb nur noch einmal in aller Kürze: „Die eine Scharia“, z.B. in Buchform o.ä. gibt es nicht. Als Scharia bezeichnen Muslime alle im Koran enthaltenen, von Gott geoffenbarten Inhalte – diese sind also göttlichen Ursprungs. Diese Inhalte müssen aber interpretiert und auf die aktuelle Realität übertragen und hier angewandt werden. Diese Interpretation der koranischen Texte ist folglich ein menschliches Produkt und deshalb gibt es im Islam auch viele verschiedene Interpretationen und Rechtsschulen. Diese Interpretation gleichzusetzen mit der eigentlichen Scharia ist ein Fehler, den sowohl muslimische als auch antimuslimische Extremisten begehen und auf deren Grundlage auch andere islam-unkundige Menschen.

Auf mein Nachfragen hin wurde mir dann auch nochmal von den Betreuungspersonal der Ausstellung bestätigt, dass ich ein muslimischer Extremist sei, wenn ich der Scharia folge… na dann Prost, Mahlzeit! Sicher wird im Rahmen der Ausstellung hin und wieder deutlich gemacht, was genau unter verfassungsfeindlichem Gedankengut oder Gewaltbereitschaft zu verstehen ist und dass auch hierunter nicht einmal alle „Salafisten“ fallen, aber der Eindruck, muslimische Extremisten seien gerade diejenigen, die sich an die islamischen Regeln halten, bleibt bestehen und bedient damit trotzdem bekannte Vorurteile und Ressentiments gegenüber dem Feindbild „Islam“.

Salafismus – Was ist das?

Bereits der Begriff „Salafismus“ ist – so wie er häufig in der medialen Berichterstattung vorkommt – sowohl undifferenziert als auch irreführend. Salafismus ist eigentlich eine religionsphilosophische Rückbesinnungsbewegung innerhalb des Islam, innerhalb welcher es wiederum sehr viele verschiedene Denkhaltungen und Untergruppierungen gibt. Entstanden ist der Salafismus im Wesentlichen während der Kolonialzeit. Die Muslime stellten sich die Frage, wie Gott es zulassen konnte, dass die Muslime von Nicht-Muslimen beherrscht werden könnten. Die Antwort war, dass dies nur damit zusammenhängen könne, dass die Muslime dem „wahren Islam“ nicht mehr folgen würden. Die islamische Lehre musste also Neuerungen erfahren haben, die es zu bereinigen gelte. Also verwarfen Salafisten viele, bzw. alle bisherigen Entwicklungen der islamischen Theologie, sowie der islamischen Praxis insgesamt. Aufgrund einer Überlieferung orientierten sich Salafisten seither nur noch an der Praxis und den Aussagen des Propheten Muhammadssaw selbst, sowie den beiden ihm nachfolgenden Generationen. Die in dieser Zeit lebenden Menschen werden als „die Vorfahren“ oder „die Altvorderen“ (arabisch: „As-Salaf“) bezeichnet.

Diese Rückbesinnung führte grob gesagt dazu, dass manche als „moderne Salafisten“ bezeichnete Muslime versuchten, Islam und Moderne miteinander zu vereinbaren und die wesentlichen Prinzipien innerhalb der islamischen Lehre auf die Moderne zu übertragen, während „rückständige Salafisten“ schlichtweg versuchten, genau so zu leben, wie die Muslime in der Zeit der Vorfahren gelebt hatten, also sich so zu kleiden, die selben Dinge zu essen, keine Elektrizität usw. zu benutzen. Muslime, die in der medialen Berichterstattung als „Salafisten“ bezeichnet werden, zählen meist zu der zweiten Kategorie und darüber hinaus zu den Anhängern des Wahabbismus. Selbst bezeichnen sie sich aber meist nicht als solche und versuchen in Gesprächen selbst der Bezeichnung „Salafist“ auszuweichen. Ich bezeichne Muslime dieser „Denkrichtung“ meist als wahabbitische Salafisten.

Der Wahabbismus wurde begründet durch Muhammad ibn Abd-al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert lebte und der hanbalitischen Rechtsschule angehörte, die dieser „extrem“ einseitig auslegte. Der Wahabbismus ist Staatsreligion in Saudi-Arabien und wurde dort eingeführt, nachdem Abd-al-Wahhab eine Verabredung mit dem saudischen Königshaus traf, die Politik der Saud-Familie religiös zu legitimieren, wenn diese ihm im Gegenzug die politische Basis für den Wahabbismus bereiten würde. So kam es dann. Mit seiner extremen Auslegung des Islam bereitete Abd-al-Wahhab schließlich auch den geistigen Nährboden für Extremismus und daher hängt ein großer Teil der gewalttätigen Jihadisten auch dem Wahabbismus an oder befindet sich zumindest in seiner geistigen Nähe. Trotzdem ist nicht jeder wahabbitischer Salafist gewaltbereit oder gar ein Jihadist. Die meisten lehnen Gewalt ebenso ab, wie die Mehrheit der Muslime insgesamt.

Denkschulen und Denkhaltungen im Islam

Sobald man von einer Gruppe von Menschen spricht, wird es immer einseitig und undifferenziert. Um Menschen hinsichtlich ihrer Verfassungstreue oder ihres Gefährdungsgrads für eine Gesellschaft beurteilen zu können, reicht es nicht, sie aufgrund ihrer Religion oder anderer äußerlicher Merkmale einzuschätzen. Man muss schon mit den Menschen reden, denn im Islam und auch unter Salafisten und auch unter wahabbitischen Salafisten gibt es eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Denkhaltungen. Man kann genauso wenig einen „bösen Salafisten“ am bloßen Äußeren erkennen, wie einen Rechtsextremisten (die fälschlicherweise häufig mit „Skinheads“ gleichgesetzt werden, obwohl viele Skinheads der ersten Stunde schwarze Einwanderer waren).

Um die Bandbreite an Denkhaltungen innerhalb des Islam aufzuzeigen und Unterschiede, sowie extremistisches Gedankengut begreiflich zu machen, bedarf es eines kurzen Ausflugs in die Entstehung islamischer Denk- und Rechtsschulen. Bereits zur Lebzeit des Propheten Muhammadsaw gab es im Prinzip zwei große unterschiedliche aber grundsätzliche Denkrichtungen, bzw. –Schulen unter seinen Gefährten. Die eine Gruppe wurde bekannt als „Ahl Ar-Ra‘y“ (zu ihr zählten vor Allem die frühen Weggefährten des Prophetensaw, wie z.B. alle späteren Rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakrra, Umarra, Usmanra, Alira, aber auch Ibn Masudra), während die andere Gruppe als „Ahl Al-Hadith“ oder „Ahl An-Nas“ bekannt wurde (zu ihr zählten vor Allem die Gefährten des Prophetensaw, die ihn erst später kennen lernten, z.B. in der medinensischen Zeit, wie z.B. Abu Hurairara oder Ibn Abbasra). Während sich die erste Gruppe – vereinfacht gesagt – vor Allem dadurch auszeichnete, dass sie die den islamischen Geboten zugrundeliegenden Prinzipien kannte und neue Situationen vernunftgemäß auslegte (Ahl Ar-Ra‘y = „Leute der Vernunft“), trat bei der zweiten Gruppe die wortwörtliche Befolgung von islamischen Geboten mit relativ geringem Interpretationsspielraum in den Vordergrund. Aus diesen beiden Denkschulen entstanden dann auch die nach den vier großen Gelehrten benannten islamischen (sunnitischen) Rechtsschulen der Hanafiten, Maalikiten, Shaafiiten und Hanbaliten.

Um den Unterschied der beiden Denkschulen deutlich zu machen, sei das Beispiel des Kalifen Umarra erwähnt, der die Ausgabe der Almosen an „diejenigen, deren Herzen versöhnt werden sollen“ (Koran 9:60) aufhob. Gemeint sind hier nicht-muslimische Unterstützer des Islams, bzw. angehende Konvertiten, die aufgrund ihrer Sympathie für den Islam meist von ihrer nicht-muslimischen Ursprungsgesellschaft ausgestoßen wurden. Umarra vertrat die Ansicht, dass die islamische Gesellschaft aber nun groß und einflussreich genug geworden war, weshalb Unterstützungszahlungen an von der nichtmuslimischen Gesellschaft verstoßene Personen nicht mehr notwendig seien. Umarra urteilte also vernunftgemäß nach dem diesem koranischen Gebot innewohnenden Sinn und nicht nach dem bloßen Wortlaut, dessen Befolgung die islamische Gemeinschaft – bei der hohen damaligen Konvertitenanzahl – wohl finanziell in den Ruin getrieben hätte.

Keine der beiden Denkschulen aber ist besser oder schlechter als die andere. Beide sind für die Erhaltung der islamischen Glaubenslehre ungemein wichtig. Beispielsweise kam es später unter hanafitischen Richtern zu solchen Urteilen, bei denen lange „vernunftsgemäß“ und zu Gunsten des „Angeklagten“ herumgedeutet wurde, wodurch letztlich aber die islamische Moral missachtet wurde. Andererseits hingen hanbalitische Richter manchmal so sehr an der wortwörtlichen Auslegung, dass sie sich verändernde zeitliche, örtliche oder gesellschaftliche Umstände vollkommen unberücksichtigt ließen und letztlich ebenfalls der Sinn der islamischen Moral verloren ging. Kurzum, die Balance dieser beiden Denkrichtungen, also das Hinterfragen und Verstehen der islamischen Gebote und Praxis ist genauso wichtig, wie das Rückbesinnen auf die konkreten Handlungen und Entscheidungen der frühen muslimischen Gefährten und Gelehrten. Erst hierdurch werden eben extreme Auslegungen der islamischen Primärquellen in die eine oder andere Richtung verhindert.

So heißt es auch in einem berühmten Ausspruch des Propheten Muhammadsaw:

Dieser Glaube ist gewiss einfach. Kein Mensch soll sich in Extremen verlieren, was die Angelegenheiten des Glaubens anbelangt, sonst wird ihn die Religion überwältigen. Darum übertreibt nicht und untertreibt nicht, und seid damit zufrieden und sucht Allahs Hilfe im Gebet am Morgen und Abend und im letzten Teil der Nacht. Nach und nach werdet ihr so an (euer Ziel) gelangen.“ (Hadithsammlung: Bukhari)

Selbst Denken! – Denkhaltungen im Islam: Viele Nuancen und wenig schwarz/weiß

Kommen wir zurück zu den „bösen Salafisten“. Ihre Rückwärtsgewandtheit (die auch noch genauer definiert werden müsste) ist nicht das eigentliche Problem, sondern zumeist Ausdruck einer positiven asketischen Lebensweise, wie sie innerhalb des Islams auch bei anderen Muslimen zu finden ist, z.B. bei Mystikern und im Sufismus, bei Muslimen, die von der Pilgerfahrt zurück kommen und einen Sinneswandel erlebt haben, beim „Ihtikaf“ während der letzten zehn Tage des Ramadan oder schlichtweg bei vielen meiner Bekannten und Freunde in der Ahmadiyya Muslim Jamaat.

Auch äußerliche Unterschiede, wie ein langer Bart und „orientalische“ Kleidung machen noch keinen „bösen Salafisten“ aus. Problematisch wird es dann, wenn der Islam nur auf dieses Äußerliche reduziert wird. Wenn der Islam als Abgrenzungsmechanismus missbraucht wird, um sich selbst gegenüber Nicht-Muslimen oder „zu liberalen Muslimen“ besser zu bewerten, denn hierdurch wird nicht nur das „Nafs“, die „Triebseele“ oder das eigene „Ego“ genährt und damit ja auch grundlegend gegen die islamische Glaubenslehre verstoßen, sondern schlimmer noch wird hierdurch der gesellschaftliche Frieden gestört und dabei paradoxerweise sogar die Argumentationen islamfeindlicher Extremisten übernommen. DAS ist es, was den Wahabbismus, den „bösen Salafismus“, gefährlich machen kann. Das Feindbild „Islam“ wird hierdurch praktisch bestätigt und als Trotzreaktion hieraus wird ein Feindbild „Nicht-Islam“ entwickelt, bei dem dann die „Ungläubigen“ und „Schweinefresser“ ebenso einseitig betrachtet werden, wie auf der Gegenseite die „Kameltreiber“ und „Kopftuchmädchen“.

Muslim oder auch Salafist (im Sinne einer Rückbesinnung aufs Wesentliche) zu sein, ist aber etwas völlig anderes. Hierbei geht es um die ehrliche Suche nach innerem Frieden, den ein Muslim nur dadurch findet, indem er/sie in die Nähe Allahs gelangt (Islam = Frieden finden durch Hingabe an Allah). Gemäß dem in Koran und Praxis der Frühmuslime enthaltenen Menschenbild führt dabei kein Weg an einer ernsthaften und eigenständigen Auseinandersetzung mit den islamischen Lehren vorbei. Mehrfach werden die Muslime immer wieder dazu angehalten, über die Welt nachzudenken und nicht gedankenlos irgendwelchen Traditionen und Regeln zu folgen. Das muss gerade für den Islam also umso mehr gelten:

Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und das Herz – sie alle sollen zur Rechenschaft gezogen werden. (Koran 17:37)

Ein echter Muslim und damit auch ein echter Salafist (egal welcher Kategorie, ob rückwärtsgewandt oder modern) beherzigt diese koranischen Gebote stets. Daneben gibt es aber noch eine ganze Reihe von Muslimen (und wahabbitischen Salafisten), die ihr Gehirn ausschalten, da selbstständiges Denken anstrengend ist und sich alles vorkauen lassen und Verhaltensweisen oder Regeln unreflektiert nachahmen. Gerade letztere Personen sind natürlich – und das ist bei allen extremistischen Ideologien so; ob Rechtsextremismus, Linksextremismus oder eben islamischer Extremismus der Fall – sehr anfällig für Rattenfänger.

Ich möchte die unterschiedlichen Denkweisen einmal am Beispiel der Kleidung deutlich machen, weil dies ein gut sichtbares, zunächst rein äußerliches Merkmal ist und somit leicht nachvollziehbar sein sollte, wie es unterschiedliche (Lehr-) Meinungen innerhalb des Islam geben kann, ohne dass die eine „islamischer“ wäre, als die andere, sodass sie im Islam nebeneinander koexistieren können:

„traditioneller Muslim“ / „rückwärtsgewandter Salafist“

Ein wahrer Muslim sollte sich so kleiden, wie der Prophet Muhammadsaw und der kleidete sich vor 1400 Jahren in einer bestimmten Art und Weise und diese gilt sollte auch ein Muslim heute einhalten. Es ist schlecht, die Gewohnheiten der Nicht-Muslime nachzuahmen, deshalb ist es auch nicht gut, ihre Kleidung zu tragen. Ebenfalls verboten sind: rote und gelbe Kleidungsstücke, Gold, Seide (außer in Ausnahmefällen), körperbetonte, durchsichtige Kleidung, Kleidung mit Stammessymbolen, Kleidung mit nicht-muslimischen Symbolen oder Slogans, Kleidung mit sichtbaren Markennamen und außerdem sollten beide Geschlechter stets die traditionelle Kopfbedeckung tragen.

„normaler Muslim“ / „moderner Salafist“

Die Mehrheit der Muslime kleidet sich so, wie die Mehrheitsgesellschaft, in der sie leben. Das tun sie nach dem Vorbild des Propheten Muhammadsaw, denn auch er kleidete sich „normal“, nämlich genauso, wie die Mehrheitsgesellschaft zur damaligen Zeit in Arabien sich kleidete. Zunächst steht dahinter keine konkrete Kleidungsvorschrift, sondern es entspricht eben der Praxis des Prophetensaw (Sunnah), sich nicht von der Gesellschaft abzugrenzen, sondern in ihr zu leben. Im Gegenteit: Der Prophetsaw hat sogar aufsehenerregende Kleidung, wie z.B. zu körperbetonte, zu pompöse (Gold und Seide für Männer) oder sich von der Gesellschaft abgrenzende Kleidung / Stammeskleidung (rote, safran-gelbe Kleidung) negativ bewertet, bzw. sogar verboten. Aus diesem Grund sollte man sich so kleiden, wie die Mehrheitsgesellschaft, also „normal“, um innerhalb dieser Gesellschaft nicht der „Stein des Anstoßes“ zu sein und so gesellschaftlichen Frieden mitzutragen.

„asketischer Muslim“ / „Sufi-Mystiker / „asketischer Salafist“

Die Kleidung ist nebensächlich, denn im Jenseits werden wir von Allah eingekleidet werden und in diesem Leben ist sie nur Ablenkung. Auffällige Kleidung nährt nur das eigene Ego. Kleidung sollte daher in jedem Fall schlicht, einfach und kostengünstig sein und die islamischen Werte (ggf. nicht notwendigerweise irgendeine kulturelle Tradition) widerspiegeln.

„ab- und ausgrenzender Muslim“ / „wahabbitischer Salafist“ (vereinfacht gesagt)

Ein wahrer Muslim muss sich so kleiden, dass er eindeutig und sofort als „Muslim“ erkannt wird. Er darf auf gar keinen Fall die Kleidung der Ungläubigen tragen. Ebenfalls verboten sind: rote und gelbe Kleidungsstücke, Gold, Seide (außer in Ausnahmefällen), körperbetonte, durchsichtige Kleidung, Kleidung mit Stammessymbolen, Kleidung mit nicht-muslimischen Symbolen oder Slogans, Kleidung mit sichtbaren Markennamen und außerdem muss die Frau Hijab tragen und der Mann einen Turban oder eine ähnliche Kopfbedeckung. Durch die Kleidung muss schon erkennbar sein, dass ich als Muslim(a) mit dieser dekadenten, unmoralischen, weil unislamischen Gesellschaft nichts zu tun haben will.

Diese vier „Prototypen“ (oder auch wieder „Stereotypen“) sind natürlich nur beispielhaft und natürlich gibt es dazwischen unzählige, verschiedene Varianten und Nuancen im Denken einzelner Muslime, die ja jeder für sich eine individuelle Persönlichkeit ist. So kann es durchaus eine Mischung von Elementen aus allen vier Erklärungen geben. Es gilt also wie immer, dass das Denken in schwarz und weiß das eigene Weltbild zwar vereinfacht, dieses dann aber i.d.R. nicht zutreffend ist.

 

Was Muslime (und Nicht-Muslime) von den „bösen Salafisten“ lernen können… und was nicht!

Die Bedeutung des Wortes „Salafismus“ ist komplex und ebenso das Denken derjenigen, die ihm anhängen oder mit ihm sympathisieren. Durch die einseitige, mediale Berichterstattung und der Brandmarkung von „Salafisten“, welche dabei gleichzeitig (zumindest latent) als „echte Muslime“ dargestellt werden, bleibt das bisherige „Feindbild Islam“ also grundsätzlich bestehen.

Die Muslime können aber von den (und jetzt benutze ich bewusst wieder die mediale Verwendung des Wortes) „bösen Salafisten“ tatsächlich sogar einiges lernen, denn erstens kritisieren sie – zwar teilweise überzogen, aber zu recht – die Vermischung von islamischer Lehre und kulturellen Traditionen und dass manchmal das eine für das andere gehalten wird (auch wenn sie in manchen Bereichen selbst die gleichen Fehler begehen; s.o.). Und zweitens – das ist das eigentlich wichtigere – sind sie stolz darauf Muslim zu sein und halten die Muslime dazu an, nicht an ihrer Religion zu zweifeln, nur weil der Islam kritisiert werde. In diesem Punkt sind die „bösen Salafisten“ manchen Muslimen tatsächlich einen guten Schritt voraus. Auch ein paar Muslime mit denen ich befreundet sind möchten nicht, dass sie als Muslime erkannt werden und versuchen gerne, ihr Muslim-Sein zu verstecken. Es ist ihnen peinlich, Muslim zu sein. Wie kann so die Schönheit dieser Religion vermittelt werden? Schlimmer noch: Wie können diese Muslime selbst die Schönheit ihrer Religion entdecken und in die Nähe Allahs gelangen!? In diesem Punkt sind die „bösen Salafisten“ absolut nachahmenswert…

Leider gibt es viel mehr Punkte, in denen sich nicht nachahmenswert sind. Diese habe ich bereits oben angesprochen. Vor Allem die Tatsache schmerzt mich, dass manche von ihnen (darunter auch die von mir genannten armeseligen Protagonisten) dem Islam die Seele und das Herz herauszureißen versuchen und sie diese wunderschöne, intelligente Religion reduzieren auf ein hässliches und veraltetes Äußeres – und ebenso den Propheten Muhammadsaw, dem Siegel der Prophetensaw, der „Barmherzigkeit für alle Welten“ durch ihr erbärmliches Gerede einen so ekelhaften Anstrich geben. Durch sie verkommt der Islam und sein Prophetsaw und dadurch verkommt Allah Ta’ala zu einer Witzfigur. Sie ziehen den Islam in den Dreck, ohne es zu merken – im Gegenteil, sie denken noch, sie würden ihn verteidigen. Sie sind Muslime, ja! – Allah weiß es am besten – aber sie folgen dem Islam, den sie von ihren Kolonialherren übernommen haben und den sie auch jetzt noch weiter von PI und anderen Islamhassern blind übernehmen.

Zusammenfassung

Kommen wir mal zum Fazit meines nun doch sehr lang gewordenen Beitrags, an dessen Anfang die Erkenntnis stehen sollte, dass Feindbilder zwar irgendwie „normal“ sind, aber dumm. Feindbilder appellieren an die Urinstinkte, können der komplexen Realität aber nicht gerecht werden und stehen darüber hinaus einer sachlichen Betrachtung der tatsächlichen Probleme entgegen. Eine Problemlösung wird durch sie also stark behindert.

Die zweite Erkenntnis sollte sein, dass man an äußerlichen Merkmalen keinen Staatsfeind oder Jihadisten erkennen kann – vielleicht ansatzweise – aber nicht zuverlässig, weshalb man besser fährt, sich mit Menschen erst einmal auseinanderzusetzen und sie nicht pauschal vorzuverurteilen. Zwar sind Vorurteile „normal“, denn ohne sie könnten wir gar nicht leben, weil sie automatisch geschehen; aber wir sollten immer bereit sein, sie im Zweifelsfall revidieren zu können und zu wollen. Idioten gibt es überall. Vielleicht mal mehr, mal weniger, aber es gilt, dass man sie nicht auf ihre (Nicht-) Religion beschränken kann oder auf andere rein äußerliche Merkmale. Es hilft manchmal, einfacher durchs Leben zu kommen, für politische oder persönliche Entscheidungen sind Vorurteile dieser Art aber weniger geeignet.

Die dritte und wichtigste Erkenntnis sollte aber sein, dass es gerade innerhalb des Islam viele verschiedene Lehrmeinungen gab und gibt und dass diese auch innerhalb des Salafismus – ja selbst innerhalb des „bösen Salafismus“ variieren. Die Extremisten auf beiden Seiten (Islamhasser und wahabbitische Salafisten) wollen uns glauben machen, der Islam sei „einfältig“; tatsächlich ist der Islam die vielfältigste Religion überhaupt, in der Pluralismus nicht als Bedrohung (wie teilweise z.B. im Katholizismus) verstanden wurde, sondern als „Segen für die Gemeinde“ , da man hierdurch wieder zu neuen Erkenntnissen gelangen und sich gegenseitig geistig befruchten konnte.

Aus diesem Grund darf und sollte jeder Muslim glücklich darüber sein, diese Lehre zu kennen und er sollte sie mit ganzem Herzen befolgen, indem er darüber nachdenkt und Wissen über sie erwirbt. Dies beugt auch Diskriminierung und somit auch einer möglichen Radikalisierung vor. Dadurch, dass er sich im Islam auskennt und dieser Lehre folgt, wird er inneren Frieden finden und in der Gesellschaft, in der er lebt, diesen Frieden nach außen weitergeben – egal, ob „Salafi“ oder nicht! – inschallah (so Gott will).

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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2 Antworten zu Das neue Feindbild Islam: Die bösen bösen Salafisten

  1. SalvaVenia schreibt:

    Hat dies auf SalvaVenia rebloggt und kommentierte:
    Ein hochinteressanter Essay über das, was Salafismus eigentlich bedeutet sowie über den von interessierter Seite geförderten Irrglauben diesbezüglich.

  2. SalvaVenia schreibt:

    Sehr schön. Und danke für diese ausführlichen Überlegungen.

    Ein Punkt, der vielleicht auch helfen könnte, die Problematik zu entemotionalisieren, wäre, darauf zu bestehen, bei der Bezeichnung von Muslimen diese eben NICHT qua ihrer (gedachten) Religionszugehörigkeit zu benennen, sondern entsprechend ihrer Nationalität – ganz genau so, wie es auch hinsichtlich aller anderen Menschen dieses Planeten gehandhabt wird.

    Zu den Anhängern des Islam muß wohl noch darauf hingewiesen werden, daß im Wahabismus große Miß- respektive Unverständnisse hinsichtlich bestimmter islamischer Lehren angelegt sind, die mittlerweile und äußerst unglücklicherweise dazu geführt haben, nicht mehr dem Weg des inneren Suchens zu folgen, sondern den zeitgenössischen Muslim zum Technokraten bildete und ergo ebendasolchst jenes, was dieser unter Islam versteht. Solange das innerislamisch nicht erkannt wird und keine Rückbesinnung erfolgt, werden wir wohl mit den aufgezeigten Umständen leben müssen.

    Mit herzlichem Gruße
    Der Salva 🙂

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