Das islamische Menschenbild : Der vernünftige und mündige Muslim

Hört man heute vom Islam, denkt man gemeinhin an ihres Geistes enteignete Männer und Frauen. Die ersteren würden nur auf Befehl ihrer jeweiligen religiösen/politischen „Führer“ hin agieren und würden ohne selbst nachzudenken nur das tun, was ihnen aufgetragen wurde. Die zweiteren hingegen seien sowieso ihrer Menschenrechte beraubt und von vornherein unterdrückt – sie seien im Prinzip das „Eigentum“ ihres Mannes, von dem sie auch stets die Erlaubnis einholen müsste, um das Haus zu verlassen oder überhaupt selbst Auto fahren zu dürfen.

Kurzum, es hält sich das wackere Vorurteil, der Islam züchte aufgrund seiner Lehre quasi hirnlose Zombies, deren Pflicht blinder Gehorsam sei und denen es geradezu verboten wäre, selbst nachzudenken und Entscheidungen vernunftgemäß zu treffen.

Auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass es doch Menschen gibt, die sich wie oben beschrieben verhalten, kann man dieses sicherlich nicht der islamischen Glaubenslehre anhängen. Eher trifft es auf jede Art von Faschismus zu, Eigenständigkeit und Vernunft auszuschalten und somit trifft es natürlich auf „islamische“ Extremisten zu, dass sie den Islam missbrauchen und in eine radikale, menschenfeindliche Ideologie umwandeln. Und gerade hieraus speist sich auch das oben genannte Vorurteil. So hört man immer mal wieder salafistische Wahabbiten sagen, dass Islam bedeute, sich komplett zu unterwerfen und nur das zu tun, was man befohlen bekomme – wobei natürlich diejenigen, die das sagen bestimmen, was „der Islam“ sagt und meint und was genau man befohlen bekommt.

Richtig ist, dass Islam bedeutet, sich ganz dem Glauben an Allah hinzugeben. Falsch ist, dass das bedeuten würde, nicht selbst nachzudenken und jeden Schwachsinn nachzumachen, den andere Menschen schon vorher falsch gemacht haben. Gerade Letzteres trifft nämlich NICHT zu!

Das islamische Menschenbild

Das vom Heiligen Koran und dem Leben des Heiligen Propheten Muhammadsaw überlieferte Menschenbild ist im Gegensatz zu allgemein üblichen Vorstellungen gekennzeichnet von der Mündigkeit des Einzelnen.

Immer wieder werden die Muslime an verschiedenen Stellen im Heiligen Koran aufgefordert, die Zeichen Gottes kritisch zu prüfen und zu hinterfragen, sich weltliches wie religiöses Wissen anzueignen, über Gott und die Welt nachzudenken, ihre Vernunft zu benutzen, nur das zu befolgen, was sie auch wirklich verstanden haben und schließlich hierauf aufbauend eigenständige Entscheidungen zu treffen, für deren Konsequenzen sie selbst verantwortlich sind.

Hierzu nur einige wenige ausgewählte Verse aus dem Heiligen Koran. So heißt es:

…wenn sie sicher sind, sie würden die Schranken Allahs einhalten können. Das sind die Schranken Allahs, die Er den Verständigen klarmacht. (2:12)

Er sendet (Seinen) Zorn über jene, die ihre Vernunft nicht gebrauchen mögen. (10:101)

Also machen Wir die Zeichen klar für ein Volk, das nachzudenken vermag. (10:25)

Und Er hat für euch die Nacht und den Tag dienstbar gemacht und die Sonne und den Mond; und die Sterne sind dienstbar auf Sein Geheiß. Fürwahr, darin sind Zeichen für Leute, die von der Vernunft Gebrauch machen. (16:13)

Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und das Herz – sie alle sollen zur Rechenschaft gezogen werden. (17:37)

„Sind solche, die wissen, denen gleich, die nicht wissen?“ Allein nur die mit Verstand Begabten lassen sich warnen. (39:10)

Wollen sie also nicht über den Qur-ân nachdenken (47:25)

Im Gegensatz dazu wird „blindes Nachahmen“ (arabisch: „Taqlid“) mehrfach vom Heiligen Koran verurteilt. So heißt es in Sure  31, Vers 22 beispielsweise, dass die Menschen den Islam deshalb ablehnen, weil er etwas Neues ist – eine neue Religion – und die Menschen doch zumeist lieber ihren alteingesessenen Traditionen und Bräuchen folgen; auch dann, wenn diese schlecht für sie sind:

Und wenn zu ihnen gesprochen wird: „Folget dem, was Allah herniedergesandt hat“, dann sagen sie: „Nein, wir wollen dem folgen, wobei wir unsere Väter vorfanden.“ Wie! selbst wenn der Satan sie zu der Strafe des brennenden Feuers lädt? (13:22)

Der muslimische Gelehrte und Reformer Al-Ghazali erläuterte diesbezüglich in seinem Buch al-Munqidh min al-Dalal (deutsch: Der Erretter aus dem Irrtum), dass wahre Erkenntnis des Glaubens nur dann erlangt werden kann, wenn der Muslim „die Niederungen der blinden Nachahmung (taqlid)“ verlässt und sich „zu den Höhen des selbstständigen Erforschens hin entwickelt“.

Aus diesem Grund genossen schon seit jeher der Wissenserwerb und die Wissensvermittlung hohe Achtung unter den Muslimen. In der Folge prägte auch das Bild des Muslims als mündiger Mensch das Denken in der islamischen Welt und zwar angefangen seit dem Frühislam bis über das so genannte „goldene Zeitalter des Islam“ vom 9. bis zum 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinaus. Ab dem Mittelalter allerdings geriet das oben genannte Menschenbild allmählich in Vergessenheit. Aus diesem Grund herrscht in der islamischen Welt (leider) bis heute eine Erziehungs- und Unterrichtspraxis vor, die dem christlichen Katechismus ähnlich ist und paradoxerweise gerade von bloßem Auswendiglernen und unreflektiertem Nachahmen (taqlid) dominiert wird.

Die Auswirkungen eines solch negativen Menschenbilds sind offensichtlich und den Grundlagen der islamischen Lehre entgegen laufend. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, der nur konsequenterweise von radikalen Muslimen und Salafisten abgelehnt wird (vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=ifbrVgqPN2o) schreibt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“, dass durch die bloße und blinde Nachahmung ohne tiefergehendes Wissen um die islamische Religion auch die Absicht Gottes, dem Menschen einen freien Willen zu gewähren grundsätzlich außer Acht gelassen wird und durch eine solche Haltung die „Freiheit des Menschen, seine Selbstbestimmung und der Stellenwert seiner Vernunft, mit der er Entscheidungen treffen kann“ in den Hintergrund gerückt wird, sodass die eigentlich von Würde geprägte „Liebesbeziehung“ zwischen Gott und dem Menschen reduziert wird auf eine reine „Herr-Knecht-Beziehung“, deren Wesensmerkmal im bloßen Gehorsam liegt:„Gehorsame werden für ihren Gehorsam belohnt, Ungehorsame entsprechend bestraft. Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Gotteserfahrungen zu machen und diese zu reflektieren, eine individuelle Beziehung zu Gott aufzubauen, eine eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten, für sich selbst zu entscheiden, wie er sein Leben entwerfen und auf Gott individuell ausrichten will – all das wird ignoriert und unterdrückt.“ (Khorchide, M., Islam ist Barmherzigkeit, Freiburg im Breisgau, 2012, S. 74)

Aber nicht nur den Lehren des Islam widerspricht ein solches Menschenbild, sondern es wird schlichtweg den Erfordernissen der Moderne nicht gerecht, weshalb Kritiker hierin auch (zu recht) den Grund für die kulturelle und geistige Stagnation in der islamischen Welt verorten und manche Leute auch behaupten, im Islam habe es niemals Reformen oder exegetische Auseinandersetzungen gegeben.

Als islamischer Religionslehrer habe ich deshalb eine besondere Aufgabe, nämlich die, das im Islam theologisch verankerte Menschenbild des mündigen Muslims aus seiner Vergessenheit zurückzuholen. Vor Allem die Vielzahl an Symbolen, Metaphern und Gleichnissen welche sowohl im Heiligen Koran, als auch in den Überlieferungen (Ahadith) relativ häufig vorkommen, können junge Muslime zum Umdenken und Nachdenken überhaupt anregen. Es geht also, wie es Dr. Sarikaya von der Universität Gießen schreibt, darum, „muslimische Individuen“ heranzubilden, „die wissen und begründen können, woran und warum sie glauben, bzw. nicht glauben, und die sich selbst entscheiden können, was sie tun oder unterlassen. Der tradierte Glaube erhebt sich dadurch von der Ebene der Nachahmung (taqlid-i-iman) auf die Ebene der bewusst und autark erworbenen, rational begründeten Überzeugung (tahqiq-i-iman).“ (Sarikaya, Y., Theologische Prinzipien zur Entwicklung einer mündigen Identität in der islamischen Religionspädagogik, unveröffentlicht, S. 10)

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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5 Antworten zu Das islamische Menschenbild : Der vernünftige und mündige Muslim

  1. shalom du alte schabrake

  2. Pingback: Das neue Feindbild Islam: Die bösen bösen Salafisten | www.Qasir.de

  3. SalvaVenia schreibt:

    Faschismus schaltet weder Vernunft, noch Eigenständigkeit aus … 🙂

    Theologisch verankert ist m.E. gleichermaßen ein No-Go, siehe hier: Gedanken zur Unbegrifflichkeit {1}. – Heute: „Theologie“ und „Islamwissenschaft“ – wir wollen uns doch nicht etwa des Taqlid schuldig machen, oder …? 😀

    Ansonsten bin ich da sehr auf ihrer Seite. Danke für diesen wichtigen Denkanstoß.

    Herzliche Grüße
    Der Salva

    • Volker Ahmad Qasir schreibt:

      Lieber Salva,
      da kann man drüber streiten. Ich denke, dass faschistische Ideologien und Weltanschauungen das Individuum, das diesen anhängt, zu einer bestimmten Einseitigkeit verleiten (…nicht, dass das nicht auch andere, vermeintlich nicht-faschistische Weltanschauungen tun würden, aber das ist eine andere Diskussion). Es kommt folglich unweigerlich zu einem Tunnelblick und eine Einteilung der Welt in schwarz und weiß / gut und böse und doch… ich glaube schon, dass es in einem solchen Kontext die Vernunft schwer hat. Eigenständigkeit… könnte man diskutieren 😉
      Beste Grüße

      • SalvaVenia schreibt:

        Sehr geehrter Herr Qasir,

        nicht, daß da möglicherweise etwas verwechselt wird: Vernunft hat m.E. nichts damit zu tun, ob eine Idee oder Vorstellung, der jemand anhängen mag, gesellschaftlich positiv oder negativ konnotiert ist. Oder, mit anderen Worten, sie ist per se vollkommen ideologiefrei. Vernunft, oder Englisch „Reason“:

        “… is the capacity for consciously making sense of things, applying logic, establishing and verifying facts, and changing or justifying practices, institutions, and beliefs based on new or existing information.” (Wikipedia)

        Es geht also genau nicht darum, sich damit zu beschäftigen, welcher Konnotation ein angenommener Sinn unterliegt.

        Abgesehen davon verstehe ich nicht, wie man in einem Satz formulieren kann: „trifft es auf jede Art von Faschismus zu“. Damit will ich sagen, daß bis dato in keiner Wissenschaft eine allgemeingültige Definition für Faschismus existiert (sehr aufschlußreich die Wikipedia-Diskussionsseite zu diesem Thema übrigens) und dieser Begriff von jedermann je nach eigenem Gusto in Anspruch genommen wird, so oder so oder gerne auch anders verstanden zu werden …

        Folglich ist „Faschismus“ ein sehr unpräzises Feindbild, meiner Meinung nach, und deswegen weder irgendwie hilfreich noch wahrhaft zielführend (außer daß Islam und Faschismus im gleichen Satz auftauchen, was die bekannt negativen Stereotypen auffrischt). Ich weiß nicht, ob es wirklich klug ist, sich in einem Diskurs einer solchen Ungenauigkeit auszusetzen. Abgesehen davon, daß es wahrscheinlich eher nicht lauter sein dürfte, die eigene Position an einer nicht zu definierenden Schwammigkeit (die in realiter eigentlich nur als ideologischer Kampfbegiff existiert) festzumachen. Macht das die eigene Position nicht komplett angreifbar anstatt andersherum?

        Sorry, daß das jetzt ein wenig an dem eigentlichen Kontext des Posts vorbeigeht, aber manchmal sind es eben die vermeintlichen Kleinigkeiten, die entsprechende Reaktionen auslösen.

        Herzliche Grüße
        Der Salva

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