Der ideale Islamische Staat ist säkular!

Wir befinden uns in einer Zeit, in der eine Terrororganisation namens „Islamischer Staat“ vorgibt, einen solchen errichten zu wollen. Dies versucht diese Terrororganisation vor Allem dadurch zu erreichen, indem sie Angst und Schrecken unter all den Personen zu verbreiten sucht, die nicht ihrer Ideologie folgen. Unabhängig davon, ob Muslim, Jude, Christ oder Atheist, werden all jene Menschen unterworfen, ausgebeutet und/oder ermordet, die sich den Regeln dieser Terrororganisation und ihrer diktatorischen Staatsauffassung nicht zustimmen. Viele einfache Muslime, aber auch muslimische Gelehrte und Intellektuelle, haben diese Terrororganisation deshalb bereits als völlig unislamisch entlarvt. Das prominenteste Beispiel hierfür war wohl der „Offene Brief“ an die IS und ihren Anführer Al-Baghdadi (hier auch in deutscher Sprache).

Tatsächlich offenbart sich an dieser Terrororganisation auch ganz deutlich das Verhältnis zwischen Religion und Staatsgewalt, denn eine in einer Staatsverfassung verankerte Ideologie oder Religion wird immer diejenigen bevorzugen, die ihr angehören und die benachteiligen, die ihr nicht angehören. Genau das lässt sich auch in zahlreichen sogenannten „islamischen“ Ländern heute beobachten. Dabei werden gerade von diesen „islamischen Ländern“ auch wichtige islamische Richtlinien missachtet oder mit Füßen getreten, wie z.B. die Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit oder Gerechtigkeit.

Dieser Missstand hat schon manchen Muslim dazu veranlasst, die Staatsauffassung westlich geprägter Länder und Staaten als muslimischer einzustufen als im Vergleich zu ihren „islamischen“ Gegenübern. Während nicht-muslimische Staaten islamische Werte achten und (viele davon bekannt als Menschenrechte) in ihrer jeweiligen Verfassung verankert haben, gilt das für sogenannte „islamische“ Staaten leider nur in begrenztem Maße. Bekannt dürfte in dieser Hinsicht der „Islamicity-Index“ (2010) sein, den die beiden US-amerikanischen Wissenschaftler Hossein Askari und Scheherazade S. Rehman aufgestellt haben. Demnach ist das islamischste Land der Welt Irland und den höchsten Rang eines Lands mit mehrheitlich dem Islam angehöriger Bevölkerung ist Malaysia auf Platz 33, gefolgt von Kuwait auf Platz 48.

Der Hauptgrund hierfür ist der Säkularismus. Und tatsächlich finden wir das Prinzip des Säkularismus auch im Frühislam im Idealbild des islamischen Staates in Medina.

 

Säkularismus und das Prinzip der Gerechtigkeit

Die Forderung mancher Muslime nach der Anwendung der „Scharia“ im Staatsgesetz ist dem Denkansatz geschuldet, dass die „Scharia“ den Islam bevorzuge und folglich alle Muslime besser behandeln würde, als Andersgläubige. Auch würde dann den geistlichen Autoritäten nicht mehr nur religiöse, sondern auch weltliche Macht zukommen, da sie ja diejenigen sind, die die Religion am Besten auslegen könnten und somit auch bevorzugt die Staatsgesetze ausformulieren und interpretieren könnten. Schon auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass diese Forderung nach der „Scharia“ als Staatsgesetz nicht nur auf grober Unkenntnis der islamischen Jurisprudenz beruht (vgl. Unterschied zwischen „Scharia“ und islamisches Recht „Fiqh“), sondern dass es hier vor Allem um die Liebe zur Macht geht, nicht aber um die Liebe zum Islam.

Dieser Feststellung folgend erklärte Hadhrat Mirza Tahir Ahmadra , dass die geeignetste Form einer staatlichen Gesellschaftsordnung nicht in der Anwendung irgendeiner religiösen Scharia (welcher Religion auch immer) zu finden ist, sondern in einem säkularen System. Folglich empfiehlt auch der Islam „eine säkulare Form von Regierung, und zwar mehr als jede andere Religion und jedes andere politische System.“[1]

Zahlreiche Koranverse und Überlieferungen handeln von Gerechtigkeit, weshalb das Thema auch einen signifikanten Teil der islamischen Lehre einnimmt. Die Muslime werden stets dazu angehalten, dem Prinzip der absoluten Gerechtigkeit Vorrang gegenüber anderen Einflussfaktoren zu gewähren und dieses zur Grundlage von ihren Urteilen, Entscheidungen und Handlungen zu machen. So heißt es im Heiligen Koran:

O die ihr glaubt, seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und Zeugen für Allah, mag es auch gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte sein. Ob Reicher oder Armer, Allah hat über beide mehr Rechte. Darum folget nicht niederen Begierden, damit ihr billig handeln könnt. Und wenn ihr (die Wahrheit) verhehlet oder (ihr) ausweichet, dann ist Allah wohl kundig eures Tuns. (Sure 4, Vers 136)

Alle säkularen Staaten folgen ebenfalls diesem Prinzip der Gerechtigkeit, denn im Säkularismus werden alle Weltanschauungen und Religionen gleich behandelt und es darf keine Auf- oder Abwertung einer Person aufgrund ihrer Weltanschauung geben.

Dieses Prinzip, sowohl der Gerechtigkeit, als auch des Säkularismus, finden wir auch im Praxisbeispiel des Propheten Muhammadsaw , der nach der Hidschra in Medina mit einigen nichtmuslimischen Gemeinden in Kontakt kam, z.B. mit jüdischen Stämmen. Diese erkannten ihn als ihren politischen Führer an, nicht aber als ihren religiösen. In der Charta von Medina kam man zu der Übereinkunft, dass dem Propheten Muhammadsaw alle Streitfälle vorgelegt werden sollten und dieser stellte dann die Wahl, entweder nach dem eigenen religiösen Gesetzbuch (z.B. der Thora) oder dem islamischen Recht zu entscheiden.[2]

Das Besondere an der Verfassung von Medina war eben auch die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Gemeinschaft von Gemeinschaften handelte, also eine große Gemeinschaft (Ummah), zu der nicht nur die Muslime zählten, sondern auch alle andersgläubigen Gemeinschaften in diesem Stadtstaat:

„Gemäß diesem Vertrag waren Muslime und Nicht-Muslime gleichberechtigte Bürger des islamischen Staates, Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten. Gemeinschaften mit unterschiedlicher religiöser Ausrichtung genossen religiöse Autonomie. Diese Idee reicht im Grunde weiter als die moderne Vorstellung von Religionsfreiheit. Die Verfassung von Medina schuf einen pluralistischen Staat – eine Gemeinschaft von Gemeinschaften. Sie versprach allen die gleiche Sicherheit und Gleichheit vor dem Gesetz. Die Grundsätze der Gleichheit, der Regierungsausübung mit beiderseitigem Einverständnis und des Pluralismus sind im Vertrag von Medina auf schöne Weise miteinander verflochten.“[3]

Gerechtigkeit ist also eines der grundlegendsten Leitprinzipien des idealen islamischen Staates. Sowohl der einzelne Muslim, als auch die Regierung, ist durch zahlreiche koranische Verse angehalten, gerecht zu handeln und zu entscheiden, auch dann, wenn es gegen einen selbst, gegen die eigenen Eltern oder gegen Verwandte ist. Selbst Feindschaft darf die Gerechtigkeit nicht behindern (vgl. Sure 5, Vers 9).

Deshalb kann man als Muslim letztlich sowohl aufgrund der theoretischen Lehre im Koran, als auch aufgrund der praktischen Auslebung am Beispiel des Propheten Muhammadsaw nur zu dem Schluss kommen, dass eine „wahrhaft islamische Regierung“ in erster Linie „absolute Gerechtigkeit ausüben“ muss:

„Mit anderen Worten, sie ist eine säkulare Regierung.“[4]

 

 

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[1] Vgl. Ahmad, T., Zum Verhältnis von Scharia und Staat, Frankfurt am Main, 2011, S. 39

[2] Hamidullah, M., Der Islam, München, 1991, S. 205

[3] Khan, M., Demokratie und islamische Staatlichkeit, in APuZ, Nr. 26-27, 2007, S. 22

[4] Ahmad, T., Zum Verhältnis von Scharia und Staat, Frankfurt am Main, 2011, S. 40

 

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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3 Antworten zu Der ideale Islamische Staat ist säkular!

  1. SalvaVenia schreibt:

    Dazu ergänzend vielleicht mein Artikel:Demokratie hat nichts mit Griechenland, aber alles mit Islam zu tun https://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/03/10/demokratie-hat-nichts-mit-griechenland-aber-alles-mit-islam-zu-tun/.

    Mit bestem Gruße,
    Der Salva

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