Ich habe eine Frage zum Bilderverbot im Islam, Herr Qasir.

Der Anschlag auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ hat neben dem Verhältnis von Islam und Terrorismus, sowie dem Umgang mit Blasphemie auch weitere Fragen aufgeworfen. So beispielsweise auch das Bilderverbot im Islam, worauf mich heute auch ein Freund und Lehrerkollege angesprochen hatte.

Ich werde versuchen, diese Frage kurz zu beantworten und erhebe deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit und werde wohl auch wissenschaftlichen Quellen nicht in ausreichendem Maße gerecht werden können, da mir die notwendige Zeit fehlt – aber in der Kürze liegt ja bekanntlich oftmals die Würze…

Türkische Buchmalerei aus dem 16. Jahrhundert (Quelle: Wikipedia.de)

Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ eigentlich mit dem Bilderverbot im Islam überhaupt nichts zu tun hat, auch wenn das vielleicht den Anschein haben mag. Hierbei ging es um Blasphemie und diesen „Irrtum“ habe ich bereits an anderer Stelle behandelt.

Das angebliche Bilderverbot im Islam bezieht sich auf die Darstellung von Gottheiten und Götzen. „Angeblich“ deshalb, weil es eigentlich im Islam gar kein Verbot von Bildern und Malerei gibt. Im Gegenteil, im Koran findet man nirgends ein Verbot und in Sure 34, Vers 14 wird sogar von Künstlern berichtet, die im Auftrag des Propheten Salomo (Friede sei auf ihm) selbst Bildsäulen und ähnliches anfertigten – und das ausdrücklich unter Allahs Wohlgefallen. Auch sollen die Muslime alle Eigenschaften Allahs in sich verinnerlichen und eine dieser Eigenschaften (oder Namen) ist „Al-Musawwir“ (der „Bildner“). Hinzu kommt, dass die islamische Kultur voll ist von Bildern, Gemälden und Darstellungen – auch des Propheten Muhammad (Frieden und Segnungen Allahs seien auf ihm).

Allerdings – und das ist nämlich der eigentliche Kern des „Bilderverbots“ – werden die Muslime immer wieder angehalten, sich neben dem Einen Gott, Allah, keine weiteren „Götter“ zu nehmen. Und da in vielen Religionen die Menschen selbstgemachte Götzenbilder und Idole anbeteten, bezieht sich das Bilderverbot in erster Linie hierauf. Allerdings betrifft das nicht nur die üblichen Götzendarstellungen, sondern auch die Verehrung/Anbetung von Menschen, Geld, Erfolg, Ansehen, etc. – auch diese können sich Menschen zum Götzen machen. Kurzum: Es geht beim „Bilderverbot“ um die Sicherstellung des Einheitsglaubens (Tauhid). Der Sinn dieses Einheitsglauben wiederum liegt (eigentlich) darin, dem Menschen Unabhängigkeit und Freiheit zu ermöglichen; doch hierzu habe ich bereits an anderer Stelle mehr geschrieben.

In seiner extremen Auslegung bezieht sich das Bilderverbot neben der Darstellung von Götzen aber auch deshalb auf die Darstellung von Menschen, Tieren oder anderen Lebewesen, weil es in den Religionen der Menschheit vorkam, dass eben Tiere oder Geister angebetet wurden (z.B. das goldene „Kalb“, etc.) oder Gesandte Gottes von ihrem einstigen Prophetenstatus von den Menschen im Nachhinein zu „Göttern“ gemacht wurden (z.B. Krishna im Hinduismus oder die Asen – Odin, Thor, etc., in der nordischen Mythologie). Es kann also eine Entwicklung von der „normalen Darstellung“ zum „angebeteten Götzen“ geben. Es lässt sich aber darüber streiten, ob diese extreme Auslegung, die sozusagen mit einem theoretischen „Weitblick“ auf zukünftige Entwicklungen, nicht an dem eigentlichen Sinn des Verbots vorbeigeht und die Menschen hierdurch nicht ihrer eigentlichen Freiheit beraubt, anstatt diese zu schützen. Es kommt – wie immer – auf die goldene Mitte an: Ge- und Verbote (1.) verstehen und (2.) diesem Wesen gemäß handeln!

Die Darstellung von Propheten im Allgemeinen und des Propheten Muhammad im Besonderen (Frieden und Segungen Allahs sei auf ihnen allen) unterliegt aber besonderer Aufmerksamkeit – und damit auch einer Art von „Bilderverbot“, welches jedoch sehr vaage ist. Propheten sind keine einfachen Menschen und eine Abbildung selbiger kann niemals objektiv oder real sein (außer bei einem Foto, das es aber nicht gibt) und folglich würde ein Bild die Propheten entweder extrem glorifizieren, sodass es (wie oben beschrieben) zu einer Art von „Götzendienst“ kommen könnte oder aber in negativer Art und Weise verzerren, wodurch die Heiligkeit des dargestellten Propheten beschädigt werden könnte. Deshalb sind sich nahezu alle islamischen Gelehrten einig, dass es unislamisch ist, Propheten in Gemälden abzubilden, weshalb es in der islamischen Kunst nur Umrisse oder Andeutungen z.B. des Propheten Muhammad (Frieden und Segnungen Allahs seien auf ihm) gibt, bei denen das Gesicht nicht zu sehen ist.

ABER: Natürlich gilt das islamische Bilderverbot nur für Muslime. Und es ist seltsam, dass man das überhaupt erwähnen muss, aber für Nicht-Muslime sind islamische Ge- und Verbote natürlich nicht bindend. Wenn diese Propheten bildlich darstellen, dann ist das ihr eigenes Problem, welches ich als Muslim natürlich ansprechen und verurteilen kann (und dies auch tue); eine weltliche Strafe gibt es hierfür allerdings nicht – die gibt es ja nicht einmal für Muslime, die gegen das Bilderverbot verstoßen! Und so kann das „islamische Bilderverbot“ folglich auch nicht für jüdische, christliche oder atheistische Satiriker aus Frankreich gelten. Obwohl z.B. Charlton Heston als Moses in dem wenngleich guten Film „Die 10 Gebote“ tatsächlich mein Verhältnis zum Glauben eher gestört, denn gestärkt hat.

Aber wie gesagt, im Fall des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ ging es auch mehr um die Problematik der Gotteslästerung/Blasphemie, wenngleich es auch da im Islam keine weltliche Strafe gibt!

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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2 Antworten zu Ich habe eine Frage zum Bilderverbot im Islam, Herr Qasir.

  1. SalvaVenia schreibt:

    Hat dies auf SalvaVenia rebloggt und kommentierte:
    Klar, deutlich und befreit vom ideologischen Ballast, den man dieser Frage sonst immer zu hören bekommt.

  2. SalvaVenia schreibt:

    Herzlichen Dank für diese Ausformulierung. Sehr gut und auf den Punkt und eine deutliche Klarstellung der Materie, die, wie so viele andere Dinge auch, ansonsten grundsätzlich falsch dargestellt wird.

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