Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ – Großes Leid und falsche Schlussfolgerungen

GG_Islam

Am Mittwoch, dem 07. Januar 2015 drangen zwei Terroristen in die Redaktion des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ ein und ermordeten dort elf Personen, darunter hauptsächlich Journalisten und Redaktuere des Magazins. Die beiden waren Brüder und standen als muslimische Extremisten bereits unter Beobachtung, weil sie an verschiedenen Attentatsversuchen beteiligt waren, bzw. mit der Terrororganisation IS sympathisierten und der ältere Bruder sogar im Jemen von der Al-Qaida ausgebildet wurde.

Ich möchte zu den Geschehnissen meine Trauer bekunden. Diese beiden Terroristen ermordeten heimtückisch friedlich lebende Zivilisten und brachten großes Leid über die Familien und Hinterbliebenen der Toten, sowie über die französische Nation und den gesamten europäischen Kontinent. Deshalb wird schon der Mord an nur einem Menschen im Koran mit dem Mord an der gesamten Menschheit verglichen (5:33). Deshalb können diese Terroristen auch gar keine aufrichtigen Muslime oder gar Gläubige sein, denn sie verhalten sich nicht nur unislamisch, sondern sogar islamfeindlich.

Als Motiv für den Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ wird gemeinhin angenommen, es handelte sich um einen Racheakt auf in der Vergangenheit veröffentlichte islamfeindliche Darstellungen und Karikaturen. Wenn das so ist, warum treten diese Terroristen dann die Lehren des Propheten Muhammad (saw), den sie doch angeblich so sehr lieben würden, mit Füßen und missachten die Lehren Allahs so offensichtlich? Denn der Koran enthält – wie ich bereits an anderer Stelle ausgeführt habe – keinerlei Anordnungen für eine weltliche Bestrafung bei Blasphemie, sondern er weist die Muslime lediglich an einer Stelle darauf hin, dass sie ihr Missfallen kundtun und Versammlungen, in denen über den Islam oder die Propheten abfällig gesprochen wird, demonstrativ verlassen sollen. Und auch die Praxis des Propheten Muhammad (saw) ist eindeutig, denn er wurde sehr oft beleidigt und persönlich angegriffen, antwortete aber niemals selbst abfällig oder reagierte gar, wie diese Terroristen, mit blutrünstiger Gewalt. Vielmehr ist in den Ahadith eine Begebenheit überliefert, bei der der Prophet (saw) auf einen Schimpfnamen mit Witz reagierte und meinte, dass der Lästerer ihn garnicht gemeint haben konnte, da er ja einen anderen Namen hätte, nämlich Muhammad.

Auch möchte ich mich als Muslim an dieser Stelle für die Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit aussprechen, da alle drei genannten Freiheiten nicht nur große Errungenschaften sind, sondern bereits lange vor der europäischen Aufklärung auch im Islam hoch geachtete Güter waren und es noch immer sind, die es gemäß islamischer Lehre zu etablieren und zu verteidigen gilt. Und das auch ungeachtet dessen, dass mancher Muslim und manch faschistische Regierung in den sogenannten „islamischen“ Ländern dies zu ignorieren scheint. Tatsächlich handeln sehr viele Verse des Korans von der Wichtigkeit der Religions- und Meinungsfreiheit (beides mit der arabischen Bezeichnung „din“). Und folgerichtig ist auch die Redefreiheit in der islamischen Tradition verbrieft, z.B. bei der kritischen Urteilsbildung („Idschtihad“) und der Beratenden Versammlung („Schura“).

„Kampf der Kulturen“ oder: Extreme Heuchelei auf beiden Seiten!?

Eigentlich dürfte der Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ aber weder eine Debatte über den Islam, noch eine Debatte über Rede- und Pressefreiheit hervorrufen, denn weder das eine, noch das andere spielt hier eine zentrale Rolle. Genau das geschieht aber im Moment. Es kommt zum „Clash of Civilisations“, nämlich DER „böse“ ISLAM, diese Ideologie mit ihrer „Religion über Alles, zur Not mit Gewalt“-Einstellung gegen DEN „guten“ WESTEN oder zumindest erst einmal EUROPA, mit ihrer „Wir haben uns alle Freiheiten hart gegen die Religion erkämpft, für Differenzierung haben wir deshalb keine Zeit“-Einstellung.

Und so kommt es, dass irgendwelche ungebildeten Extremisten, die unislamisch reden, unislamisch denken und unislamisch handeln „DEN ISLAM“ repräsentieren und diesen dann auch – wieder gegen den bösen WESTEN und seine dekadente Anti-Religionshaltung – verteidigen. Verteidigen? Ja, verteidigen – das denken sie zumindest, wenn man den Medien Glauben schenken darf (Haha, ja ich weiß, der war gut!). Jedenfalls lassen sich die Extremisten-Islamisten-Jihadisten, etc. nichts von diesen „Ungläubigen“ sagen – schon gar nicht in Sachen Religion oder Menschenrechte!

Auf der anderen Seite wiederum hat man den guten, freien, aufgeklärten und modernen WESTEN, der es geschafft hat, sich von den „Fesseln der Religion“ (und damit auch des Anstands und der Moral ?…naja, teilweise sicherlich!) loszusagen. Deshalb lässt er sich auch nicht mehr ins Gewissen reden und es wird unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit als Menschenrecht – einst verstanden als die Freiheit, Unrecht beim Namen zu nennen und Machthaber zu kritisieren – beschimpft, gelästert, entwürdigt und erniedrigt, was das Zeug hält. Und weil sich das Christentum das gefallen lassen musste, muss sich das der Islam auch! Nur das Judentum hat da in Europa gewissermaßen mehr Glück… naja, zumindest nach 1945.

Aber: Faktisch sind Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit universale Menschenrechte. Sie sind in allen Religionen und Kulturen enthalten, doch die politischen Gegebenheiten lassen das Abendland die Menschenrechte gegenüber der Religion aufwerten, während es im Morgenland genau umgekehrt ist. Die Extremisten auf beiden Seiten versuchen den Status Quo zu halten, bzw. weiter zu spalten, deshalb bedarf es gemäßigten Kräften, um dem ganzen Schwachsinn entgegenzuwirken!

Zurück zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“

Dieser „Kampf der Kulturen“ wird am derzeit in den Medien geführten Diskurs sehr deutlich. Die Attentäter werden von Jihadisten als Märtyrer des „Islam“ verehrt. Gleichzeitig wird das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ von Islamgegnern sozusagen als „Märtyerer der Rede- und Pressefreiheit“ in Europa verehrt – und zwar nur, weil dessen Redaktion von Terroristen angegriffen wurde. Die Trauer um die ermordeten Menschen sitzt bei mir, wie oben bereits beschrieben, recht tief. Aber ich kann in „Charlie Hebdo“ beim besten Willen keinen Zusammenhang zu dem einst erkämpften und hohen Gut der Rede- und Pressefreiheit erkennen. Im Gegenteil, ähnlich wie auch andere Magazine, die mit z.B. den Mohammed-Karikaturen 2006 provoziert haben, missbrauchte auch „Charlie Hebdo“ die Rede- und Pressefreiheit, um die Menschen gegen eine ganze Weltreligion aufzuhetzen und dadurch Aufmerksamkeit und Umsätze gleichermaßen zu generieren. Es handelte sich wohlgemerkt nicht um satirische Angriffe gegen Terroristen und Mullahs oder um Missstände in islamisch geprägten Staaten oder Regierungen anzuprangern – eine derartige Satire kennt auch die islamische Welt (siehe meinen Artikel zu Humor im Islam). Nein, die satirischen Angriffe waren gegen eine ganze Weltreligion und ihre Anhänger gerichtet – von denen dann leider die dümmsten und am wenigsten gefestigten zu Terroristen geworden sind.

Verschärfend hinzu kommt bei diesem Umstand wohl auch, dass sich die Anhänger des Islam zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in solchen Entwicklungsländern befinden, die seit Jahrzehnten von Europa und den USA in wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht ausgebeutet werden. Wie sollen Menschen aus solchen Ländern an Menschenrechte und Demokratie glauben, wenn diese gerade von westlicher Außenpolitik ausgehebelt werden!? Kein Wunder also, dass ob dieser Ungerechtigkeit Menschen anfällig werden für Spalter und Hassprediger, die die Religion als Faktor der Gruppenzugehörigkeit ausnutzen, um gegen den „bösen“ Westen zu hetzen; so ähnlich wie das umgekehrt hierzulande durch PEGIDA und Co. passiert.

Aus den genannten Gründen erachte ich die Redakteure von „Charlie Hebdo“ folglich nicht als DIE Kämpfer gegen das Unrecht, zu denen sie derzeit stilisiert werden. Sie nutzten ihre Überlegenheit im öffentlichen Diskurs und die Machtlosigkeit ihrer Opfer aus, um (psychische) Gewalt auszuüben, wenngleich sie dies natürlich ohne physische Gewalt und somit viel subtiler taten. Aber sie taten es! Und sie taten es unter dem Deckmantel der Rede- und Pressefreiheit. Echte Kämpfer für die Rede- und Pressefreiheit findet man in den Gefängnissen Nordkoreas, Ägyptens, Saudi Arabiens und denen anderer Unrechtsstaaten, nicht aber in der Redaktion von „Charlie Hebdo“.

Fazit: Allah schaut auf die Herzen

Die letzten Zeilen mögen den ein oder anderen Leser dazu verleiten zu sagen: Also geschieht es den nun ermordeten Redakteuren doch recht, dass es sie nun auch erwischt hat. NEIN, absolut nicht! Und das wollte ich auch mit keinem Satz angedeutet wissen! Die Redakteure verletzten zwar Gefühle und rissen tiefe Wunden in viele Herzen, aber sie ermordeten keine Menschen. DAS jedoch taten die Terroristen, die in ihrer Dummheit und Ignoranz gegenüber sowohl dem Islam als auch gegenüber den Menschenrechten und den Gesetzen ihres französischen Heimatlandes unsägliches Leid über viele Menschen brachten. Richtig ist zwar, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, Schadenfreude oder Häme aber sind hier absolut unangebracht. Der Zweck dieses Artikels ist der, die Menschen zur Besinnung zu bringen; denn beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ und im derzeitigen Diskurs in der Medienlandschaft handelt es sich nur rein äußerlich um einen „Kampf der Kulturen“. Während die eine Seite von der Beleidigung ihrer Religion heuchelt (sic!), heuchelt (sic!) die andere Seite von Rede- und Pressefreiheit. Beide eigentlich guten Werte wurden aber von den jeweiligen Extremisten auf ihre Art und Weise und im Sinne ihrer eigenen Interessen missbraucht. Von diesen Äußerlichkeiten dürfen sich die gemäßigten Kräfte in unserer Gesellschaft nicht täuschen lassen. In diesem Sinne müssen wir die Eigenschaften Allahs in uns aufnehmen und gemäß dem Hadith handeln:

Allah sieht weder auf eure Körper noch auf euer Aussehen, sondern auf eure Herzen.“ (Hadithsammlung Sahih Muslim)

Beste Friedensgrüße und Segenswünsche,
Volker Ahmad Qasir

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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4 Antworten zu Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ – Großes Leid und falsche Schlussfolgerungen

  1. SalvaVenia schreibt:

    Für ein etwas differenzierteres und vollständigeres Bild um die Charlie-Hebdo-Affaire sei gerne der folgende Link empfohlen: https://salvaveniaxxl.wordpress.com/charlie-ebdo-pegida-artverwandtes/.

    Den Leitspruch am Ende Ihres Artikels solten sich ruhig und gerne mehr Menschen zu Herzen nehmen …

    Herzliche Grüße nach Fulda.

  2. Pingback: Ich habe eine Frage zum Bilderverbot im Islam, Herr Qasir. | www.Qasir.de

  3. Ein Freund des Denkens schreibt:

    Ein ebenfalls sehr guter Artikel, der in eine ähnliche Kerbe schlägt, wie der Ihrige, Herr Qasir.

    „Why I am NOT Charlie“:
    http://paper-bird.net/2015/01/09/why-i-am-not-charlie/

    Danke aber zunächst für Ihren Artikel. Möge unser aller Gott uns in unseren verschiedenen Religionen und Lebensweisen beim Frieden helfen. Viele Grüße

  4. Volker Ahmad Qasir schreibt:

    An dieser Stelle möchte ich meinem guten Freunde SalvaVenia für den Hinweis zu einem sehr guten Artikel von Dr. Faheem Younus bei der Huffington Post danken, der mir sehr gut gefällt. Kurz zusammengefasst ist er als Aufforderung an die Muslime zu verstehen, endlich den Finger aus dem Arsch zu ziehen und zu handeln, anstatt immer große Reden zu schwingen. DANKE für diesen Artikel!
    http://www.huffingtonpost.com/faheem-younus/getting-real-about-blasphemy_b_6435916.html

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