Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 3/3: Das Verhältnis von Scharia zum deutschen Rechtssystem

In einem Leserbrief in der Fuldaer Zeitung wurden mir verschiedene Fragen zum Islam gestellt, die ich an dieser Stelle gerne beantworten möchte (vgl. hierzu: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 1; Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 2):

Fuldaer Zeitung vom 23.12.2014

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Frage 3: Wie sieht Herr Qasir als Muslim ganz grundsätzlich das Verhältnis von islamischen Rechtsinhalten in der Scharia zum bestehenden Rechtssystem Deutschlands? Sollte sich ein gläubiger Muslim im Zweifelsfall, z.B. in Fragen des Familienrechts, des Vermögensrechts usw. in seiner Meinungsbildung und seinen Entscheidungen eher am Wertesystem der Scharia oder eher am Wertesystem des deutschen Staatsrechts orientieren? Sollte das Wertesystem des deutschen Staatsrechts aus islamischer Sicht auch Inhalte der Scharia aufnehmen?

Zunächst sollten Sie mal ganz neutral darüber nachdenken, ob Sie diese Fragen auch den Angehörigen anderer Religionen stellen würden? Beispielsweise Christen oder Buddhisten? Diese müssten doch die gleichen Probleme und Fragen haben. Das diese Religionsgruppen aber nicht das Problem haben, dass ihre Loyalität gegenüber einem Rechtsstaat wie Deutschland angezweifelt wird, hat vermutlich vielmehr etwas mit ihrem Ruf zu tun, als mit der Wirklichkeit.

Bis weit in die 60er Jahre hinein hatten Katholiken im Übrigen das Problem, dass ihnen in den USA die gleichen Vorurteile hinsichtlich der Loyalität gegenüber der demokratischen Verfassung entgegenstießen, wie es heutzutage gegenüber den Muslimen passiert. Sei’s drum.

Zunächst muss unbedingt geklärt werden, was genau „die Scharia“ überhaupt ist. Als Scharia bezeichnet man die Gesamtheit aller im Heiligen Koran und der Praxis des Propheten Muhammad (saw) enthaltenen Ge- und Verbote. Diese beziehen sich überwiegend auf den Glauben und die religiöse Praxis, betreffen aber in Teilen auch das soziale Miteinander. Die Diskussionen um „die Scharia“ drehen sich dabei meist um den als Zweites genannten Teil. Dass auch die Pilgerfahrt, das Ritualgebet, das Fasten und die Armenspende, sowie Glaubensinhalte Teil der „Scharia“ sind, ist dabei kaum jemandem bewusst.

Und genau wie es um die religiöse Praxis viele innerislamische Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten gab, gibt es diese auch im Bereich des Sozialen. Deshalb ist die „Scharia“ auch nicht das „Islamische Recht“, sondern das islamische Recht ist das sogenannte „Fiqh“ und ist als Ergebnis einer Interpretation der Scharia zu verstehen. Die „Scharia“ selbst ist also göttlichen Ursprungs, das Islamische Recht oder Rechtssystem (Fiqh) ist menschlichen Ursprungs. Und genau hier liegt eben das große Problem, das vor Allem aus Unkenntnis der islamischen Glaubenslehre herrührt: Alle Rechtssysteme, die auf dem Koran und der Sunnah (also der „Scharia“) aufbauen sind menschliche Interpretationen, die je nach Erfahrungsstand, Sozialisation, Wissen, Verstand und zeitlichen wie örtlichen Gegebenheiten differieren. Und die Gleichsetzung menschlicher Interpretation mit den göttlichen Offenbarungen ist dann auch der Hauptfehler, der gerade von Extremisten und wahabbitischen Salafisten gerne gemacht wird.

Tatsächlich kam es auch vor, dass sich an zwei Orten zu ein und der selben Frage unterschiedliche islamische  Gesetzgebungen entwickelten, obwohl man sich in beiden Orten an die gleichen Quellen hielt. So entstanden im Frühislam auch verschiedene Rechtsschule, die sich in ihren ganzen Entscheidungen und Fragen im sozialen Bereich stark unterschieden, ohne dass sich die Imame (im sunnitischen Islam die vier großen Schulen: Hanafi, Maalik, Scha’afi und Hanbal) als Häretiker verunglimpft hätten. Im Gegenteil, sie schätzen sich für ihre Diskussionen und Differenzen sogar. (Für weitere Details möchte ich an dieser Stelle das Buch „Der Islam und der Westen“ von Tariq Ramadan empfehlen; in der Auflage von 2000 betrifft dies die Seiten 90-92 ff.)

Dies musste ich erst einmal zum weiteren Verständnis vorschicken. Die Frage nun, ob eher das Wertesystem des deutschen Staatsrechts oder das Wertesystem der islamischen Glaubenslehre für mich als Muslim bindend ist, lässt sich nur so beantworten, als dass für mich als Muslim beides ähnliche Werte enthält. Ich könnte mich nun anschicken, das Grundgesetz 1:1 mit dem Koran zu vergleichen, aber es soll an dieser Stelle ausreichen, dass die wichtigsten Grundrechte des Grundgesetzes, also Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Menschenwürde, Religions-, Meinungs-, und Pressefreiheit allesamt vom Islam abgedeckt werden. Insofern stellt sich die Frage gar nicht. Sicherlich gibt es Differenzen im Familienrecht, z.B. bei der Mehrehe, die in Deutschland ja verboten ist. Aber das ist keine grundlegend wichtige Angelegenheit, um den islamischen Glauben auszuleben. Tatsächlich wird die Frage der Mehrehe eher in Bezug auf die Versorgung von Waisenkindern und im Krieg thematisiert und ist folglich auch eher die Ausnahme. Tatsächlich lebten und leben die allermeisten Muslime monogam. Ähnlich verhält es sich mit anderen Empfehlungen des Koran, die eher allgemeinen Prinzipen gleichen, denn als feste Regelungen zu verstehen sind und deshalb auch (wie oben bereits erwähnt) den Gegebenheiten der Zeit, der Region und der Kultur angepasst werden.

Sollte es trotz allem zu einer unlösbaren Differenz für einen Muslim kommen, dann sollte er den Anweisungen des Korans und dem Beispiel des Propheten Muhammad (saw) folgen. So heißt es im Heiligen Koran, dass diejenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, auswandern sollen in ein anderes Land. Tun sie das nicht, können sie sich nicht beschweren, dass es ihnen schlecht ergeht:

Zu jenen, die – Unrecht gegen sich selbst tuend – von Engeln dahingerafft werden, werden diese sprechen: „Wonach strebtet ihr?“ Sie werden antworten: „Wir wurden als Schwache im Lande behandelt.“ Da sprechen jene: „War Allahs Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können?“  (Sure 4, Vers 98)

Weiter wird vom Propheten Muhammad (saw) eine Begebenheit berichtet, nach der er nach Mekka reiste, um sich mit den Oberhäuptern der Stadt zu treffen. Da ihm per Gesetz die Einreise nach Mekka verboten wurde, ging er bis zur Stadtgrenze und schickte einen Boten in die Stadt, um die Oberhäupter entsprechend zu benachrichtigen. – Der Prophet Muhammad (saw) hielt sich also sogar an die Gesetze seiner Feinde und missachtete diese nicht. Wie kann es also sein, dass ein Muslim sich nicht an die Gesetze eines Landes hält, in dem er lebt? Ein solches Verhalten wäre unislamisch.

Das alles heißt aber nicht, dass sich ein Muslim nicht als Bürger oder Bürgerin des deutschen Staates an der Politik beteiligen dürfte. Im Gegenteil ist es die Pflicht eines deutschen Staatsbürgers, sich an den demokratischen Wahlen und Gesetzgebungsprozessen zu beteiligen. So würde ich persönlich z.B. die Einführung einer Armensteuer und die Abschaffung des Zinssystems nach Vorbild der islamischen „Scharia“ befürworten. Einen gravierenden Konflikt zwischen meinem Glauben und der Gesetzgebung meines Heimatlandes sehe ich dabei allerdings nicht.

Das soweit erst einmal in möglichster Kürze. Weiter und auch ausführlicher wird das Thema zudem behandelt in folgenden Videobeiträgen:

Stunde Des Islam – Loyalität von Muslimen gegenüber Deutschland [VIDEO]

Die gesellschaftliche Bedeutung der Scharia (Rede anlässlich der Jalsa Salana 2011) [VIDEO]

…sowie in der Broschüre „Zum Verhältnis von Scharia und Staat“ von Hadhrat Mirza Tahir Ahmad, erschienen beim Verlag Der Islam, Frankfurt, 2011 [ONLINE auch hier zu finden]

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen,

Volker Ahmad Qasir

Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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9 Antworten zu Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 3/3: Das Verhältnis von Scharia zum deutschen Rechtssystem

  1. Pingback: Das neue Feindbild Islam: Die bösen bösen Salafisten | www.Qasir.de

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  4. Auf den wichtigsten Punkt in dieser ganzen Debatte weist Herr Qasir gleich am Anfang hin, wenn er die aus meiner Sicht vollkommen korrekte und absolut notwendige Frage stellt:

    „Zunächst sollten Sie mal ganz neutral darüber nachdenken, ob Sie diese Fragen auch den Angehörigen anderer Religionen stellen würden? Beispielsweise Christen oder Buddhisten? Diese müssten doch die gleichen Probleme und Fragen haben. Das diese Religionsgruppen aber nicht das Problem haben, dass ihre Loyalität gegenüber einem Rechtsstaat wie Deutschland angezweifelt wird, hat vermutlich vielmehr etwas mit ihrem Ruf zu tun, als mit der Wirklichkeit.“

    Es ist doch im Grunde eine Unverschämtheit sondergleichen, an irgendeinen Bürger dieses Landes eine solche Frage zu richten, bloss weil er einem anderen Glauben angehört.

    Wenn das die Kriterien eines gegenseitigen Miteinanders und Zusammenlebens sein sollen, dann hat Deutschland aufgehört, ein weltoffenes und freies Land zu sein. Was für eine unendlich geistige Verarmung, wenn man bedenkt, dass diese Kultur da schon einmal einen gänzlich anderen Ansatz vertrat, als es nämlich hiess:

    „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“. (Friedrich II. am 22. Juni 1740)

    Betrachte ich mir die derzeitigen politischen Zustände in Deutschland, mit der Verachtung der politischen Klasse gegenüber dem Grundgesetz, dem politischen Streben, ohne Rücksicht auf Verluste verbindlich familienzerstörende Ideologien durchzusetzen wie den Genderismus, oder der menschenverachtenden und bis zur Perversion verzerrten Sozialgesetzgebung wie das sogenannte Hartz 4, dann sollte für jeden Politiker gelten und damit verbindlich sein, die Eingangsfrage öffentlich anzunehmen und öffentlich zu beantworten, bevor überhaupt nur daran gedacht werden dürfte, denselben auch nur in die Nähe von politischer Machtausübung gelangen zu lassen.

    Allein, dass eine solche Frage überhaupt öffentlich gestellt werden kann, und zusammen mit der entsprechenden Erwartungshaltung, zeigt überdeutlich, dass alle Teile dieses Staatswesens, die dafür verantwortlich gewesen wären, das Klima einer offenen, möglichst vorurteilslosen und freiem Denken verbundene Gesellschaft zu fördern, darin kläglich versagt haben. Stattdessen eine durch und durch rassistische Presselandschaft mit einer fremdenfeindlichen Hetze, die durchaus ihresgleichen sucht, ein Staatsfernsehen, das in die gleiche Trompete bläst, sowie eine politische Steuerung, die diesem nichts entgegengesetzt hat noch etwas entgegensetzt.

    Deutschland, das Land der Dichter und Denker mit einer freien Wissenschaftslehre, das ist mittlerweile wohl leider zu Grabe getragen worden. Und es wird unsagbar schwer und schwierig werden, das heutige Erbe wieder hin zu etwas besserem zu wenden.

    Da muss man ja fast schon sagen, danke an den Islam beziehungsweise an aufgeklärte Muslime wie den Autor dieses Artikels, auf die wirklichen Probleme dieses Landes hinzuweisen, indem er an ihn gestellte Fragen ersteinmal zurückwirft.

    Wertesystem des deutschen Staatsrechts, dass ich nicht lache. Fragen Sie diesbezüglich mal Menschen wie Herrn Mollath und andere, wie die das sehen. Und dann sprechen wir uns wieder.

    Hatte diesen Kommentar erst auf dem anderen Blog eingestellt, wo der Artikel verlinkt war, sorry. 🙂

    • Volker Ahmad Qasir schreibt:

      Hallo und vielen Dank für diesen Kommentar. Sehr schön finde ich auch Ihren Hinweis auf andere Probleme, wie den schleichenden Abbau des Sozialstaats und diese unsägliche Geschlechtergleichmachung, wo uns doch immer wieder eingeredet wird, dass nur die böse böse Sozialisation Mädchen zu Frauen und Jungs zu Männern mache. Eltern können da sicherlich ganz andere Erfahrungen aufzeigen, dass sich nämlich z.B. ein Junge ohne irgendwelche Einflüsse automatisch für das Spielen mit Autos und Mädchen für Puppen entscheidet. Nun gut, das an anderer Stelle.
      Dennoch möchte ich den schwarzen Peter solcher Entwicklungen nicht an die „bösen bösen da Oben“ abschieben, sondern es liegt an uns allen, solchen Tendenzen entgegenzuwirken. Auch haben viele Muslime hierzulande, die vielleicht keine Terroristen oder Extremisten, sich aber gleichzeitig viel zu gleichgültig benehmen, solche „Vorurteile“ oder „Wahrnehmungen“ mit herbeigeführt. Also, bitte stets auch an die eigene Nase fassen. Nochmals Danke für den kritischen Beitrag! *Daumen hoch*

  5. Volker Ahmad Qasir schreibt:

    Hier auch ein interessanter Artikel auf dem Blog eines guten Freundes, den es sich in diesem Zusammenhang anzusehen lohnt. Danke SalvaVenia!
    http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/03/22/halbsatze-der-macht-oder-wenn-grundgesetz-und-scharia-einander-die-schau-stehlen/

  6. Pingback: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 1/3: Krieg gegen die “Ungläubigen” | www.Qasir.de

  7. Pingback: Weltanschauliche Verwirrungen – Frage 2/3: “Missionskriege” | www.Qasir.de

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