Von der medialen „Islamisierung“ gesellschaftlicher Probleme

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina im Gazastreifen spitzt sich derzeit wieder zu und es gibt erneut zahlreiche Opfer in diesem sinnlosen Krieg. In Deutschland hingegen gibt es zahlreiche Demonstrationen, insbesondere gegen die Politik Israels. Ebenfalls deshalb wird auch in Talk-Shows und Tageszeitungen eine Debatte über die Gefahr eines erneut aufkeimenden „Antisemitismus“ geführt, der angeblich vor Allem von muslimischen Jugendlichen ausgehen würde(z.B. auf NTV.de[1]).

Alleine schon die Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“ als Fremdwort für „Judenfeindlichkeit“ ist in diesem Zusammenhang inhaltlicher Schwachsinn. Der Begriff „Antisemitismus“ leitet sich aus der Annahme der Nachkommenschaft von Sem ab, einem von drei Söhnen Noahs (neben Ham und Jafet). Allerdings zählen nicht nur Juden zu den „Semiten“, sondern auch andere asiatische Volksgruppen, wie z.B. die Araber. Da es in den genannten Demonstrationen mehrheitlich um „muslimische“ Jugendliche mit arabisch-stämmigem Migrationshintergrund ging, ist das ein Widerspruch an sich.

Im Gegensatz dazu ist aber sicherlich richtig, dass es unter einigen/vielen (?) dieser jugendlichen Demonstranten judenfeindliche Parolen gab, die sich nicht unter dem Vorwand politischer Kritik schönreden lassen. Der hier abgesonderte Hass richtet sich offensichtlich gegen die Juden als ethnische wie religiöse Volksgruppe. Die hier erwähnten „muslimischen Jugendlichen“ handeln also unislamisch, da sie – erstens – Menschen nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit als minderwertig beurteilen und diese – zweitens – heftig und auf üble Art und Weise beschimpfen. Hinzu kommt, dass gerade die betroffene Volks- bzw. Religionsgruppe, nämlich die Juden, aus islamischer Sicht – drittens –von Gott im Koran als „Ahl-e-Kitab“ („Volk der Schrift“) ausgezeichnet und gelobt werden. Das alles lässt doch darauf schließen, dass die sogenannten „muslimischen“ Jugendlichen sich gar nicht so „muslimisch“ verhalten, sondern eher bar jeglichen Wissens ihrer Religion handeln. Kurzum: die genannten Muslime verhalten sich in diesem Fall unislamisch, weshalb die Bezeichnung „muslimisch“ inhaltlich falsch und irreführend ist.

Daraus ergibt sich unweigerlich die Frage, warum diese Jugendlichen überhaupt als „Muslime“ bezeichnet werden. Man könnte sie genauso als „Demonstranten“ bezeichnen oder als Deutsche, als Berliner, als Chaoten oder wenn man ihren Migrationshintergrund hervorheben möchte gerne auch als Ausländer oder Araber. Doch das alles wird nicht gemacht. Immer öfter trifft man hingegen auf eine „Muslimisierung“. Früher waren es die türkischen Gastarbeiter oder die arabischen Terroristen (die wechselweise auch als Kommunisten auftraten). Heute spricht man bei gesellschaftlichen Konflikten stets von den „Muslimen“. Sicherlich ist die einseitige Betrachtungsweise überhaupt als problematisch zu erachten, also dass verschiedenen, individuellen Persönlichkeiten eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit zugesprochen wird, doch dass dies heute auf die Religion bezogen wird hat sicherlich mit der Rolle der Religion hier in Deutschland zu tun, die in Deutschland insgesamt keinen besonders guten Ruf in der öffentlichen Wahrnehmung genießt.

google_BILD-muslimmaedchen

Ich möchte die „Muslimisierung“ gesellschaftlicher Missstände an einem weiteren Beispiel verdeutlichen: In der Bildzeitung war gestern ein Bericht zu lesen, wonach ein zwangsverheiratetes 14-jähriges „Muslim-Mädchen“ ihren 35 Jahre alten Ehemann mit Rattengift getötet hat[2].

Im Artikel wird auch nochmal gesondert hervorgehoben, dass Zwangsheiraten im Norden Nigerias häufiger vorkommen, weil dieser eben „muslimisch“ ist. Im christlich geprägten Süden kommt das zwar auch vor, aber halt weniger häufig. Ist ja klar, ist ja auch christlich, also eigentlich so ähnlich wie „Wir“. Auch wird die islamistische Terrororganisation „Boko Haram“ genauso erwähnt wie das Angstwort „Scharia“, damit ja kein Zweifel daran aufkommt, dass es sich hier um ein muslimisches Problem handelt und nicht um ein gesamtgesellschaftliches. Kurzum, der Artikel legt den Schluss nahe, dass sich das kleine Mädchen ihres alten Ehemannes entledigt hat, weil es unglücklich in dieser pädophil anmutenden Zwangsehe war, bei der vermutlich sexueller Missbrauch an der Tagesordnung war. Der Artikel erzeugt demnach Verständnis gegenüber dem Mädchen für den Mord an dem Ehemann. Und das auch bei mir. Allerdings nervt mich die inflationäre Verwendung von Begriffen aus dem islamischen Sprachgebrauch (z.B. „Scharia“). Auch der Islam verbietet Zwangsheirat und auch der Islam stellt sowohl auf spirituell-religiöser wie auf gesetzlicher Ebene sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung unter Strafe. Gerne wird in solchen Fällen seitens Islamgegner auf die viel diskutierte Hochzeit des Propheten Muhammadsaw mit Hadhrat Aishara verwiesen die (auch nach heutigen europäischen Maßstäben) sicherlich nicht den Normalfall darstellte. [3] Zweifelsohne wird diese Tatsache aber in solchen Fällen wie dem hier genannten als religiöse Legitimation für unislamische Handlungen missbraucht.

Dennoch reduziert der Schreiber dieses Artikels das gesamte Problem auf den Islam, sodass der Eindruck entsteht, der Islam und die islamische Lebensweise seien für das Problem verantwortlich. Dies, weil der Islam Frauen unterdrücke, es gutheiße, wenn alte Männer junge Mädchen sexuell gefügig machten, etc. pp. Darauf, dass es hier um einen spezifischen Einzelfall mit gewissen Eigenheiten geht, wird überhaupt nicht differenziert eingegangen. Es geht in diesem Fall um ein afrikanisches Land (Nigeria), hier auch um den Norden, der nicht nur islamisch geprägt ist, sondern vor Allem durch wirtschaftliche wie politische Rückständigkeit gegenüber dem Süden auffällt. Auch geht es in diesem Fall um eine Region, in der offensichtlich Armut vorherrscht und folglich Bildung keinen besonders ausgeprägten Stellenwert hat – und dies betrifft sowohl weltliches wie auch religiöses Wissen. Hinzu kommen noch die individuellen Situationen sowohl der Familie des Mädchens („verkauft“ das Mädchen als Ehefrau an den älteren Mann) als auch ihres Ehemannes (Erziehung, Machtkomplexe, sexuelle Neigungen, etc.), die ebenfalls überhaupt nicht angesprochen werden – wohl weil sie weder bekannt noch einfach herauszufinden sind. Da ist es doch einfacher, den Islam vorzuschieben, als der Komplexität des einzelnen Falles gerecht zu werden.

Man stelle sich vor, man würde einen Artikel über eine deutsche Mutter, die ihr Kind tötet mit der Überschrift titulieren: „Deutsche Mutter wirft Kind wegen Überforderung aus dem Fenster“. Unweigerlich würde nahegelegt werden, die Mutter tötete ihr Kind, weil „Deutsche“ nunmal schnell „überfordert“ seien. Die diskriminierenden, zu Ablehnung führenden Folgen sind offensichtlich!

Aber wie sagte Volker Pispers doch so treffend: „Es geht nichts über ein einfaches Weltbild, dann hat der Tag Struktur!“

Als Leitmedium in Deutschland, wie es die BILD-Zeitung (leider) eines ist, hat man eine gewisse Verantwortung. Sicherlich soll und darf man keine Wahrheiten verschönern, soweit richtig. Aber die extreme Einseitigkeit, mit der hier Berichterstattung erfolgt, also ohne die nötige Reflexion der Sachverhalte, fördert die Ausgrenzung bestimmter Gruppen aus der Gesamtgesellschaft. Und dabei ist es unerheblich, ob es sich hier um Mehrheiten oder Minderheiten handelt.

In diesem Sinne möchte ich das Fazit den Ärzten überlassen:

„Lass die Leute reden und lächle einfach mild,
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht,
aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“

(„Die Ärzte“, aus ihrem Lied: „Lasse redn“)

 

 

[1] http://www.n-tv.de/politik/Radikale-haben-Demos-gekidnappt-article13307551.html, Abruf am 22.08.2014

[2] http://www.bild.de/news/ausland/zwangsheirat/zwangsverheiratetes-maedchen-toetet-ehemann-mit-rattengift-37339662.bild.html, Abruf am 22.08.2014

[3] Für interessierte Leser/innen möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Erläuterungen des bedeutenden Islamwissenschaftlers Montgomery Watt verweisen. Hier insbesondere über die „Anschuldigungen übersteigerter Fleischeslust“, in seinem Werk: Watt, M., Der Islam – Band I., Kohlhammer-Verlag, 1980, S. 141ff. (Kapitel B-II-3.g „Mohammes Tod; sein Charakter)

Werbeanzeigen

Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Artikel abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Von der medialen „Islamisierung“ gesellschaftlicher Probleme

  1. SalvaVenia schreibt:

    Danke für diese doch sehr richtigstellenden Anmerkungen, die mir sehr gefallen. Bitte erlauben Sie mir daher eine Verlinkung auf einen meiner eigenen Artikel, in dem ich mich etwas ausführlicher mit dem ständig und unreflektiert wiederholtem Vorwurf der Kinderheirat von Aischa mit dem Propheten Muhammad auseinandersetze, und der da heißt: Aischa und die Halleluja-Lügner http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/09/02/aischa-und-die-halleluja-lugner/.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s