Filmkritik: „Die Freischwimmerin“ (04.06.2014 – ARD)

Beim herumschalten stieß ich heute Abend auf einen Fernsehfilm in der ARD, den ich nicht unkommentiert lassen kann. Bereits der Titel des Films weißt gewissermaßen auf den stereotypen Inhalt hin, denn das arme unterdrückte muslimische Mädchen ist eine gute Schwimmerin und ist sozusagen gefangen zwischen Tradition und Moderne und möchte sich hieraus befreien (was sie aber noch nicht weiß, sondern erst im Laufe des Films von ihrem Umfeld klargemacht bekommt.. Kurzum: Sie schwimmt sich frei.

Doch zunächst die ARD-Filmankündigung:

ARD-Film: „Die Freischwimmerin“

Martha Müller ist nach einem gewalttätigen Zwischenfall vom Lehrerberuf desillusioniert und beschließt, sich nicht mehr so stark als Lehrerin zu engagieren. An ihrer neuen Schule in Wien wird sie jedoch gleich mit Problemfall Ilayda konfrontiert. Die 17-jährige türkische Schülerin lebt mit ihrer sehr gut integrierten Familie in Wien. Sie selbst aber hat sich nach dem Tod ihres Vaters entschlossen, Kopftuch zu tragen. Dadurch grenzt sie sich jedoch immer mehr aus ihrer Klasse aus.

Ilayda ist eine leidenschaftliche Schwimmerin und geht dieser Passion heimlich nachts im Schulschwimmbad nach. Martha, die auch Sportunterricht gibt, bekommt das mit und versucht, Ilayda über die Schulschwimm-Mannschaft, die an einem Wettbewerb teilnehmen soll, wieder in die Klassengemeinschaft zurückzuholen. Dabei kommt Martha immer mehr von ihrem Vorsatz ab, sich nur noch im Unterricht für ihre Schüler einzusetzen, um nicht wieder eine Enttäuschung erleben zu müssen. Als Ilayda sich auch noch weigert, Kopftuch und Burkini für den Schwimmwettbewerb abzulegen und im normalen Badeanzug zu schwimmen, scheinen sich Marthas Befürchtungen zu bestätigen.

Quelle: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/die-freischwimmerin-100.html

 

Wie nicht anders zu erwarten war der Film ein Pseudo-Integrations-Müll der nicht lange Seinesgleichen sucht, sondern sich leider nahtlos in die von Kai Hafez nachgewiesene Einseitigkeit von ARD und ZDF eingliedert. Und das, obwohl das Teil von 2014 ist. Respekt für soviel Ignoranz! Schade eigentlich.

Konkret geht es um das arme  muslimische und deshalb rückständige Mädchen, das von der bösen Mehrheitsgesellschaft (in diesem Fall Österreich) ausgegrenzt wird, weil sie Kopftuch trägt, woran sie aber logischerweise selbst schuld ist, denn wer wüsste das nicht: Kopftuch = integrationsunwillig [Stereotyp #1].

Das arme hilflose Mädchen erhält aber Unterstützung von der jungen, dynamischen und emanzipierten Lehrerin, die an das Mädchen glaubt – die Lehrerin scheint dabei stellvertretend für die sowieso und überhaupt verständnisvolle Gesellschaft zu stehen [Stereotyp #2] – die ja so häufig von den Migranten ob deren Integrationsunwilligkeit enttäuscht wird.

Im Laufe des Films stellt man fest, dass das Mädchen nur deshalb Kopftuch trägt, weil sie es dem verstorbenen Vater „recht“ machen möchte, der ihr in einer letzten Botschaft sagte, sie solle ihre Wurzeln nicht vergessen. Und so befindet sich das arme muslimische Mädchen im Konflikt zwischen Integration (und damit dem eigenen Glück) und zu erfüllendem Erwartungsdruck durch den Vater (Familienehre, etc. pp., man weiß es schon) – [Stereotyp #3].

Das Mädchen möchte sich natürlich integrieren, was dem aufmerksamen Zuschauer auch dadurch deutlich gemacht wird, dass sie sich auf einer Party abfüllen lässt und halbnackt im Swimmingpool feiert… also sich integriert hat… tolle Integration [Stereotyp #4]. Diese Szene erinnert dabei stark an die Mechanismen der Zwangsentschleierungen während der Kolonialzeit in Nordafrika durch die weißen Kolonialherren, denen Franz Fanon Vergewaltigungsphantasien zuschrieb, die sie durch eben die Zwangsentschleierung erfüllen konnten, da das Kopftuch als „sexuelle Barriere“ hierdurch beseitigt wurde. Die kolonialisierten muslimischen Frauen wurde somit zu ihrer Freiheit gezwungen. Ähnliches findet sich ganz deutlich im Film.

Weiter geht die Handlung damit, dass das muslimische Mädchen am nächsten Tag Ärger von seinem Bruder bekommt, der das ganze von einem türkischen Kollegen auf Youtube gezeigt bekommt, weshalb dieser einigermaßen beschämt ist. Man wäre fast geneigt zu sagen, dass hier Stereotyp #5 zum Einsatz kommt, wäre es nicht so, dass der Bruder doch recht liberal auftritt, wenngleich er in besagte Lehrerin verliebt ist, was eine Art Macho-Image zumindest andeutet. Dennoch: kein Stereotyp im klassischen Sinne, Respekt! Dafür folgt aber der letzte Stereotyp auf den Fuß.

Das Mädchen ist eine super Schwimmerin. Hierdurch hofft die Lehrerin das ausgegrenzte Mädchen in die Klassengemeinschaft integrieren zu können, nämlich indem das Mädchen den Schwimmwettbewerb gewinnt, bzw. dem Schulteam zum Erfolg verhilft. Das wäre ja auch alles kein Problem, würde das muslimische Mädchen nicht unbedingt darauf bestehen, einen Burkini zu tragen. Deshalb darf sie dann auch nicht am Wettbewerb teilnehmen und die Lehrerin stellt sie noch einmal (im Sinne von: – Die Moral von der Geschicht‘- ) vor die Wahl: Entweder sie „passt sich an die Mehrheitsgesellschaft an“ und schwimmt im normalen Badeanzug und macht damit alle (inklusive sich selbst) stolz oder aber sie besteht auf ihre „islamischen / türkischen / traditionellen / rückständigen…“ Werte und enttäuscht nicht nur sich und ihren Bruder, sondern auch das restliche Schwimm-Schulteam und natürlich die ganze Gesellschaft und die Welt insgesamt. Und als man glaubt: Na klar, die starrköpfige Muslimin wird sich doch nie integrieren, taucht das muslimische Mädchen in einem Badeanzug auf und gewinnt natürlich alles und alle sind glücklich, inklusive der Lehrerin, die immer an das Mädchen und deren Integrationsfähigkeit geglaubt hat. Prost Mahlzeit! Alhamdulillah, die Muslime können sich ja doch integrieren… [Stereotyp #6 und #7]

Ich muss dem Ende zu gute halten, dass die „Ent-Burkinisierung“ nicht so schlimm ausfiel, wie erwartet (nämlich so ähnlich, wie die peinliche Zwangsentschleierung vorher). Ehrlich gesagt sah der Badeanzug, den das muslimische Mädchen dann am Ende anhatte genauso aus, wie der Burkini. In islamischem Sinne auch für ein adrettes Auftreten vollkommen in Ordnung – für mich jedenfalls.

Zweitens hatte die Klassengemeinschaft dann am Ende Verständnis für das Kopftuch des Mädchens und genau darum geht es bei Integration – nicht um Gleichheit, sondern um Verständnis für unterschiedliche Werte, die aber eine Gesellschaft gegenseitig bereichern können. Äußerlichkeiten sind hier fehl am Platz, das kam am Ende immerhin gut rüber.

Trotzdem bleibt das Fazit bescheiden. Der Film ist überaus empfehlenswert zur Analyse von Stereotypen in der Repräsentation des muslimischen „Anderen“ im Rahmen von Cultural Studies oder Postcolonial Studies in der Politikwissenschaft. Als sinnvollen Beitrag zur Integrationsdebatte würde ich ein solches Machwerk allerdings nicht zählen. Dies vor Allem deshalb, weil hier neben zahlreichen einseitigen Darstellungen und Stereotypen der so häufige Fehler begangen wird und gelebte Praxis von Menschen mit türkischem / traditionellem Migrationshintergrund als repräsentativ für „Den Islam“ zusammengewürfelt wird.

Schade eigentlich, die Idee fand ich gar nicht so schlecht. Wie so oft haperte es dafür gewaltig an der Umsetzung. Lustig fand ich auch die anschließenden Tagesthemen, in denen auf eine Studie zum Rechtsextremismus aufmerksam gemacht wurde, in der man feststellte, dass sich dieser verringert, gleichzeitig aber auf bestimmte Gruppen konzentriert habe. Diese Gruppen seien vor Allem Asylbewerber und Muslime…tja, wie das wohl kommt!?

In diesem Sinne,
Allah Hafiz,
Volker

 

PS: Ich habe noch einen lesenswerten Kommentar zum Film gefunden, Spiegel-Online. Danke auch hierfür: http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-freischwimmerin-ard-film-um-tuerkin-mit-emily-cox-in-der-ard-a-972320.html

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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4 Antworten zu Filmkritik: „Die Freischwimmerin“ (04.06.2014 – ARD)

  1. SalvaVenia schreibt:

    Hat dies auf SalvaVenia rebloggt und kommentierte:
    Auf den Punkt gebracht und die gesellschaftliche Heuchelei enttarnt.

  2. Gast schreibt:

    Schöner wie treffender Kommentar zu einem komischen Film, Danke dafür.

  3. SalvaVenia schreibt:

    Kann mich den Ausführungen nur anschließen. Man darf halt nie vergessen, daß man es hier mit Staatsfernsehen à la DDR u. ä. zu tun hat. Staatsfernsehen nämlich hat keinen Bildungsauftrag. Zumindest in Deutschland nicht.

    • westendstorie schreibt:

      Wennn das nu allgemein ein wenig mehr bekannt wäre. Wie häufig dreht sich doch mein Magen um, wenn ich mal wieder merke, wie viele Menschen doch unter deren Beeinflussung stehen. Und all dem Müll für wahre Münze halten.
      Da braucht es so viel mehr an klarer Aufklärung zum Thema Integration, viele mögen aber einfach auch ihr plattes Bild, ihre Kategoriesierungen, ihren „Standarttürken“ in grenzwertigen Talkshows usw…

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