Der Islam in Deutschland – Gefahr durch Wahrnehmungsstörung!?

Der Islam in Deutschland – Gefahr durch Wahrnehmungsstörung!?                 (Erwiderung auf den Artikel „Der Islam – Eine Gefahr für Deutschland?“ auf TheIntelligence.de)

Es ist sehr schade, dass aus der scheinbaren, anfänglichen Absicht zur Differenzierung zwischen verschiedenen Ausrichtungen und Interpretationen der islamischen Religion und Kultur innerhalb des Artikels „Der Islam – Eine Gefahr für Deutschland“ letztendlich doch wieder nur ein populistischer Verallgemeinerungssalat geworden ist, der Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, Sozialisation, Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Weltbildern in einen Topf mit der Aufschrift „Islam“ wirft, um nach einem kräftigen Umrühren, uns doch nur das bereits aus Film und Fernsehen bekannte Bild vom Taliban-Vorzeige-Moslem mit langem Bart, Kaftan zu zeichnen, der mit „Ungläubiger-Sprüchen“ um sich wirft und lediglich mal latent, mal offen gewaltbereit zu sein scheint.

Diese Darstellung, so großer Beliebtheit sie sich auch erfreut, folgt dabei einer großen Wahrnehmensstörung, die in Psychologie und Soziologie auch als „Othering“ bekannt ist. Hässliche und unerwünschte Eigenschaften, die auch in der eigenen Gesellschaft vorkommen, werden negiert und als ausschließlich bei den „Anderen“ (in diesem Fall den Muslimen) verortet. Die so entstandenen Stereotype werden dann immer wieder reproduziert und je nach Bedarf weiterentwickelt. Das der vorliegende Artikel geradezu ein Paradebeispiel hierfür ist, möchte ich im Folgenden gerne näher erklären.

Zunächst allerdings möchte ich den Begriff „Salafismus“ beleuchten. Entgegen der verkürzten Darstellung, Salafismus bezeichne eine grundsätzlich gewaltbereite, verfassungsfeindliche muslimische Extremisten-Gruppe, handelt es sich beim Salafismus zunächst lediglich um eine religionsphilosophische Rückbesinnungsbewegung innerhalb des Islam. Auch hier gibt es wiederum verschiedene Gruppierungen – einige gelten sogar als reformatorisch, andere wiederum als rückwärtsgewandt. Die uns aus den Medienberichten mit Krawall und Pöbeleien bekannten Salafisten sind eigentlich „Wahabbiten“, deren bekannteste Gestalt wohl der Vorzeige-Konvertit Pierre Vogel ist. Diese extreme Ausrichtung des Salafismus-Islam konzentriert sich (leider zumeist nur rein äußerlich und oberflächlich) auf die ersten drei Jahrhunderte der islamischen Geschichte und lehnt jegliche Entwicklungen der islamischen Jurisprudenz und Kultur als „unislamische Neuerungen“ ab. Der Wahabbismus wird durch das Land, in dem er traurigerweise auch Staatsreligion ist, nämlich Saudi-Arabien, stark gefördert. Das Bild, welches in den hiesigen Medien und somit in den hiesigen Köpfen vom Islam insgesamt gepflegt wird, bezieht sich zumeist auf diese Ausprägung innerhalb des Islam.

Ich kann nur vermuten, dass dies aus Unwissenheit über die Eigenheiten und Gruppen des Islam überhaupt geschehen ist. Leider strahlt dieses Bild vom Islam auch auf die genauso unwissende muslimische Jugend in der Diaspora zurück. Muslimische Jugendliche fühlen sich nämlich häufig weder in Deutschland als Deutsche, noch in dem Heimatland ihrer Eltern als von dort stämmig. Die einzige Identität, die sie erhalten ist dann eine „muslimische“. Diese nehmen sie dann häufig an, ohne zu merken, dass dieses tatsächlich eine „wahabbitische“ Identität ist. Um dieses Missverständnis auszuräumen benötigt es unbedingt einen islamischen Religionsunterricht. Dieser ist daher kein Zugeständnis an die hier lebenden Muslime, wie im genannten Artikel gesagt, sondern vielmehr eine absolute Notwendigkeit. Und Entschuldigung bitte: Wenn die getrennte Unterrichtung von Christen und Muslimen im Religionsunterricht zur Separation der Kulturkreise führen würde, hätten doch Atheisten und Agnostiker in Deutschland schon längst den Bundestag gestürmt – immerhin werden diese getrennt in Ethik unterrichtet.

Aber zurück zur einseitigen Darstellung „DER Muslime“ und „DES Islam“. Generell wird hier ein grober Denkfehler begangen und zwar werden fast durchgehend „türkische Migranten“, „Deutschenfeindlichkeit“, [bitte sonstige negative Assoziationen ihrer Wahl einsetzen] und „frommer Muslim“ zusammengedacht, um nicht zu sagen unterstellt. Tatsächlich gibt es Türken, die gar keine Muslime sind. Tatsächlich gibt es muslimische Türken, die gar keine Ahnung vom Islam haben oder deutlicher gesagt, deren Sozialisation gar nicht mit islamischen Werten, sondern vielmehr mit türkischen Werten oder mit anatolischen Werten oder mit exklusiven Werten aus dieser ihren Familien stattgefunden hat. So hört man nicht selten, dass „viele“ (was genau das auch immer bedeuten mag) muslimische Jugendliche respektlos gegenüber ihren Lehrern, vor Allem gegenüber ihren Lehrerinnen, seien. Impliziert wird dabei, dass dies so ist, weil die Jugendlichen Muslime sind, die ihre Lehrer als Nicht-Muslime oder „Ungläubige“ (das Wort gibt es im Arabischen schon mal gar nicht, geschweige denn im Islam!) verachten. Und wenn diese noch Frauen sind, na dann ja sowieso, weil die muslimischen Jugendlichen ja Frauenverachtung als moralischen Wert anerzogen bekommen hätten. Da es ja auch keine deutschen Schüler gibt, die respektlos gegenüber ihren Lehrern auftreten, muss es ja so sein. Vielmehr wird die Wirkung vor die Ursache gestellt und falsch gedacht, denn gerade, weil dieses Vorurteil gegenüber türkischen oder muslimischen Jugendlichen vorherrscht, wird jedes respektlose Verhalten gegenüber deutschen Lehrerinnen und Lehrern genau so überhaupt erst interpretiert. Das Vorurteil wird dadurch also konsequenterweise nur bestätigt, während es bei respektlosen aber nicht-muslimischen Schülern nicht das gleiche Urteil zur Folge hätte.

Damit möchte ich nicht sagen, dass muslimische SchülerInnen nicht auch respektlos gegenüber ihren LehrerInnen seien – natürlich gibt es das und sicherlich nicht seltener als bei nicht-muslimischen SchülerInnen. Dieses aber auf den Islam zu beziehen ist eine falsche Herangehensweise. Tatsächlich ist der Beruf des Lehrers und der Lehrerin in der islamischen Lehre hoch geachtet, genauso wie übrigens auch in der Türkei. Es kann also sein, dass bestimmte Eltern von bestimmten Kindern diesen einfach eine schlechte Erziehung – eben ohne islamische Werte – mitgaben und diese sich daher in der Schule verhalten wie ein Macho auf Mallorca.

Ein deutlicheres Beispiel von „Othering“ und einer damit einhergehenden Wahrnehmungsstörung des Artikels ist das Thema Gleichberechtigung. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen soll, als ich den Satz las: „Viele muslimische Männer erheben daher ihre Hand gegen ihre Ehefrauen – ein weiterer Zustand, der in unserer westlichen Gesellschaft auf einheitliche Ablehnung stößt.“ Zunächst einmal geht dem Ganzen (mal wieder) eine Unterstellung voraus. Was genau nämlich „viele“ bedeutet, bleibt offen. In Deutschland wiederum leben wir aber in einem Land, in dem jede vierte Frau Opfer körperlicher, sexueller oder beider Arten von Gewalt wird (vgl. Studie: „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“, 2004), weshalb ich kaum glaube, dass die Aussage berechtigt ist, ein solches Verhalten stieße in unserer Gesellschaft auf Ablehnung. Das ist doch eher eine idealisierte Beschreibung der Wirklichkeit, bei der der Wunsch nach dem Ideal der Vater des Gedanken ist. Und da Wir ja „WIR“ sind und die Anderen die „ANDEREN“, schieben wir den unliebsamen Gedanken, dass es auch bei uns viel unmoralisches, unreligiöses Verhalten gibt nach Außen, eben auf die „ANDEREN“ und sagen, dass es ein solches Verhalten nur bei diesen gibt. Und nicht unabhängig davon, sondern gerade WEIL sie eben „anders“ (in diesem Fall: islamisch) sind.

Weitere Unterstellungen und peinliche Aussagen zu „DEM Islam“ und „DEN Muslimen“ möchte ich mal nicht kommentieren. Fast alles fällt unter den bereits genannten Aspekt einer extremen Wahrnehmungsstörung. Bitte nicht falsch verstehen – unter (nominellen?) Muslimen und Musliminnen gibt es womöglich Menschen, auf die alle diese von ihnen genannten Vorurteile zutreffen. Die Frage ist, ob es die islamische Glaubenslehre ist, auf die diese durchaus verachtenswerten Verhaltensweisen zurückzuführen sind oder vielmehr deren Missachtung oder Gesamtheit der sozialen und kulturellen Gegebenheiten, in die der Mensch (ob Muslim, Christ, Atheist oder alles zusammen) eingebettet ist.

Eine Erwiderung auf den Artikel „Der Islam – Eine Gefahr für Deutschland?“ http://theintelligence.de/index.php/gesellschaft/kommentare/5279-der-islam-eine-gefahr-fuer-deutschland.html

von: Volker Ahmad Qasir, Datum: 11.08.2013

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Volker Ahmad Qasir, Fulda
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