Die Sache mit der Freiheit im Islam

Die Sache mit der Freiheit im Islam

Der Islam sei eine einengende Religion, angefüllt mit strengen, teilweise skurrilen Geboten und Gesetzen, denen sich der Mensch uneingeschränkt unterwerfen müsse, will er im Jenseits das ewige Leben erlangen… so die weit verbreitete Vorstellung über den islamischen Glauben. Tatsächlich engt der Islam den Menschen nicht ein, sondern gibt ihm eine allgemeine Lebenseinstellung an die Hand, die es ihm ermöglicht, sich aus den verschiedensten Abhängigkeiten des irdischen Lebens zu befreien. Auch wenn heutzutage vielerorts engstirnige Eiferer versuchen, mit erhobenem Zeigefinger und scharfem Blick auf die wortgetreue Einhaltung der islamischen Gebote zu achten, so ist es doch wieder einmal der Mensch, der an diesem Punkt das Wesen der islamischen Religion entstellt hat und das Ziel der Freiheit mit dem Mittel der Unfreiheit zu erreichen versucht.

Warum der Islam darauf ausgelegt ist, dem Menschen Freiheit zu schenken und wie sich das äußert, soll im Folgenden genauer erläutert werden. Zunächst einmal spielt der Glaube an (den) einen Gott eine wichtige Rolle. Wie in keiner anderen Religion wird im Islam die Wichtigkeit des Monotheismus, Tauhid, der Glaube an die Einheit Gottes, betont. Der Hauptgrund hierfür liegt in der befreienden Wirkung, die dieser Glaube auf den Menschen hat, denn wenn Gott einzigartig ist, so ist auch der Mensch einzigartig, denn Gott schuf den Menschen nach Seinem eigenen Bilde, wie es metaphorisch heißt. Das Wissen um die Einzigartigkeit Gottes führt somit zu einer hohen Wertigkeit jedes einzelnen Menschen (zumindest theoretisch).

Der Mensch ist nicht bloß eine unbedeutende Figur in einer großen Welt, sondern verbunden mit dieser Wertigkeit ist der Mensch auch im Besitz des freien Willens. Dieser verleiht ihm die Fähigkeit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und sich entsprechend seiner Entscheidung frei zu entwickeln. Der Mensch soll sich daher nicht einfach auf die Mehrheit der anderen Menschen mit ihren seit jeher bestehenden Vorschriften und Traditionen berufen und diese heuchlerisch und unreflektiert bejahen, denn ein solches Verhalten führt ihn in falsche Zwänge und letztlich zur Unfreiheit[1]. Vielmehr soll er seinen (Gott gegebenen) Verstand einschalten und über die Sinnhaftigkeit solcher Gebote nachdenken[2], denn nur dann kommt das Prinzip des freien Willens zum Tragen – der Zweck der Erschaffung der menschlichen Spezies.

In diesem Lichte sind auch die Lehren und Handlungen der Propheten Gottes (Friede auf ihnen allen) zu verstehen. Jeder der Propheten Gottes (Friede auf ihnen allen) suchte Gott auf seine eigene Art und Weise, aufrichtig, ehrlich und frei. Und nur so konnte auch die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Ihm wachsen, denn erst aus der Freiheit alles tun zu können, dem freien Willen, kann auch eine echte moralische Tugend erwachsen. Erst durch die Freiheit zu einer unmoralischen Alternative erwächst eine moralische Handlung, nämlich dann, wenn man sich gegen das Falsche, Unmoralische und für das Gute, Moralische entscheidet. Als Beispiel sei die Keuschheit genannt. Nur ein Mensch, der in vollem Besitz seiner Triebe ist, diese aber zügelt und aufgrund einer inneren Überzeugung, die er selbst frei und ungezwungen entwickelt hat, indem er die Folgen beider Alternativen gegeneinander abwog, kann als gut bezeichnet werden.[3] Dieser Prozess bedingt eine Freiheit. Und aus diesem Grund befiehlt auch der Heilige Quran, dass jeder Mensch in seinen Gedanken und Ansichten frei sein soll, denn: „Es soll kein Zwang sein im Glauben. Gewiss, Wahrheit ist nunmehr deutlich unterscheidbar von Irrtum; wer also sich von dem Verführer nicht leiten lässt und an Allah glaubt, der hat sicherlich eine starke Handhabe ergriffen, die kein Brechen kennt; und Allah ist allhörend, allwissend.“[4]

Dennoch gibt es eine Fülle von Geboten, Regeln und Hinweisen für den gläubigen Muslim, bzw. die gläubige Muslima, welche aus dem Heiligen Quran und aus der Praxis des Propheten Muhammadsaw eindeutig zu entnehmen sind. Auf den ersten Blick scheinen diese die Freiheit des Einzelnen einzuschränken. Tatsächlich ist es jedoch so, dass der Mensch sich dadurch, dass er sich selbst für diesen Weg des Islams entscheidet, selbst gewissen Regeln unterwirft, weil er sich so erhofft, eine größere Freiheit, sowie Frieden und die Liebe Gottes zu erlangen. Der Mensch begibt sich also dadurch, dass er den Weg der Religion wählt, in die Abhängigkeit Gottes, um sich im Gegenzug dazu von den verschiedenen Abhängigkeiten der diesseitigen, materiellen Welt zu befreien. Man kann eine solche Entscheidung mit Rousseaus „sittlicher Freiheit“ vergleichen, wäre die islamische Lehre nicht bereits mehrere hundert Jahre vor dem französischen Philosoph ins Leben gerufen worden, denn auch hier gilt: „der Trieb der bloßen Begierde ist Sklaverei, und der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selber vorgeschrieben hat, ist Freiheit.“[5]

Derweil ist es nicht nur die egoistische Begierde, die den Menschen laut islamischer Lehre in eine seelische Sklaverei zwingt, sondern es sind auch die Begierden anderer Menschen, mit denen er in Interaktion tritt und die ihn z.B. aufgrund bestimmter Erwartungshaltungen, zu bestimmten Handlungen zwingen. Der Islam bezeichnet diese Umstände als Fesseln, die den Menschen einengen, wodurch er zunächst außerstande ist, eine höhere spirituelle Natur zu entwickeln, zu einem beschwingten Wesen zu werden. Dadurch jedoch, dass der Mensch die Lehren des Islams annimmt und internalisiert, kann er sich von den Fesseln dieser irdischen, vom Menschen gemachten Abhängigkeiten lösen: „Die da folgen dem Gesandten, dem Propheten, dem Makellosen, den sie bei sich in der Thora und im Evangelium erwähnt finden – er befiehlt ihnen das Gute und verbietet ihnen das Böse, und er erlaubt ihnen die guten Dinge und verwehrt ihnen die schlechten, und er nimmt hinweg von ihnen ihre Last und die Fesseln, die auf ihnen lagen –, die also an ihn glauben und ihn stärken und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm hinabgesandt ward, die sollen Erfolg haben.“[6]

Eine kleine Geschichte soll diese Ansichten nochmals verdeutlichen. Vor einigen Jahren war mein Onkel viel und oft unterwegs, um die Welt zu bereisen. Einmal erzählte er von einer Reise nach England. Er wanderte und trampte von Deutschland über Frankreich nach England. Er, ganz alleine, nur mit seinem Rucksack bepackt. Er übernachtete bei Bekannten und häufig auch unter freiem Himmel – er fühlte sich ungebunden und unabhängig. In England angekommen passierte es jedoch, dass ihm sein Rucksack gestohlen wurde. Was ihm im ersten Moment große Sorgen bereitete, entpuppte sich wenig später als Segen, denn zuvor, so sagte er, war er nur scheinbar frei. Bei jeder Bewegung verspürte er die Last seines Rucksacks, voll gepackt mit Kleidern, Nahrungsmitteln, Geschirr und anderen Dingen. Dieser Inhalt gab ihm zwar eine gewisse Sicherheit und bereitete ihm Annehmlichkeiten, doch nahm er ihm auch ein großes Stück Freiheit, denn der schwere Rucksack musste getragen und es musste darauf aufgepasst werden. Dies bemerkte er aber erst, als der Rucksack nicht mehr da war. Das befreiende Gefühl kam erst dann. Mein Onkel erzählte mir, dass er erst dann, als der Rucksack weg war, bemerkte, was ihm durch die falsche Sicherheit der materiellen Dinge in seinem Rucksack doch eigentlich an Erfahrungen, Gesprächen und Freiheiten entgangen war. Er sagte, er erlebte seine Reise erst dann als wahrhaft freier Mensch, als sein Rucksack nicht mehr da war.

Diese Geschichte blieb mir lange in Erinnerung und viele Inhalte dieser Geschichte finden sich auch in den Lehren des Islams wieder. Nach einer Überlieferung des Heiligen Propheten Muhammadsaw sollen wir uns in dieser Welt nur als Reisende fühlen. Demnach sollen wir die materiellen Dinge nutzen, sie wie ein Gast behandeln, uns aber nicht mit ihnen überfrachten, denn eine zu starke Bindung an diese Dinge bringt letztlich mehr Sorgen als Nutzen mit sich. Die Gier nach materiellen Dingen, aber auch nach vielen anderen immateriellen Dingen, wie Leidenschaften, Macht, Ansehen usw., führen bei Erfüllung nicht zu einem glücklicheren Leben, sondern im Umkehrschluss zu einem unglücklicheren.

Am Beispiel der Mehrung materieller Güter lässt sich dies weiter verdeutlichen, denn nachdem bestimmte Grundbedürfnisse befriedigt worden sind, belastet uns eine Fülle an materiellen Gütern nur noch. Das Mehr an Nutzen bleibt aus, aber die Sorge um den Erhalt oder eine weitere Mehrung der Güter nimmt zu und belastet die Natur des Menschen zusätzlich. Dennoch sagt uns unsere Begierde, dass wir mehr brauchen, anstatt weniger. Ein Muslim und eine Muslima (wenn sie dem Wortsinn nach tatsächlich „Gottergebene“ sind) begreifen diesen Zustand, in dem sie sich bewusst in dieser Welt bewegen. Sie wissen, dass, solange sie in dieser Welt sind, sie sich auch in irgendeiner Art von Abhängigkeit und Sklaverei befinden. Während sich also ein Muslim dieses seines „Sklaventums“ bewusst ist, versuchen Andere sich selbst darüber hinwegzutäuschen. Sie möchten sich von (religiösen) Regeln und Geboten befreien und werfen diese ab, ohne dabei zu merken, dass sie sich dadurch selbst eigentlich viel stärkere Ketten anlegen, als sie sie bei denen vermuten, die sie als Gläubige verschmähen. Oder wie es Johann Wolfgang von Goethe einst treffend formulierte: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.“[7]

Quellen:

[1] „Und wenn du der Mehrzahl derer auf Erden gehorchest, werden sie dich wegführen von Allahs Weg. Sie folgen nur einem Wahn, und sie vermuten bloß.“ (Der Heilige Quran: Sure 6, Vers 117)

[2] „Sprich: Ich mahne euch nur an eines: dass ihr vor Allah hintretet zu zweit oder einzeln und dann nachdenket..“ (Der Heilige Quran: Sure 34, Vers 47)

[3] Vgl. Ahmad, Hz. Mirza G., Die Philosophie der Lehren des Islams, Frankfurt, 2008, S. 46

[4] Der Heilige Quran: Sure 2, Vers 257

[5] Rousseau, J.J., Die Realisierung des allgemeinen Willens durch Demokratie, in: Hoerster, N., Klassische Texte der Staatsphilosophie, München, 2004, S. 200

[6] Der Heilige Quran: Sure 7, Vers 158

[7] Goethe, J.W. von, Die Wahlverwandtschaften – 2. Theil, Tübingen, 1809, S. 102

http://muslimische-feder.de/?p=498

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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4 Antworten zu Die Sache mit der Freiheit im Islam

  1. Pingback: Ich habe eine Frage zum Bilderverbot im Islam, Herr Qasir. | www.Qasir.de

  2. Marc schreibt:

    Wenn Entscheidungen sanktioniert werden, sind sie dann noch frei. Wer als Muslim die Freiheit sich gegen den Koran zu entscheiden nutzt, kommt der dann in die Hölle oder darf er trotzdem ins Paradies?
    Ich denke, Freiheit ist etwas anderes als die im Artikel beschriebene Entscheidungsmöglichkeit. Auch der Vergleich mit dem Rucksack hängt. Dass Besitz unfrei macht ist eine abgedroschen Parole, denn Armut macht andererseits nicht frei.
    Zusammenfassend scheint mir, dass der hier beschriebene Freiheitsbegriff nicht dem humanistischen entspricht.

    • Volker Ahmad Qasir schreibt:

      Vielen Dank für den Kommentar. Allerdings empfinde ich den Begriff „Sanktion“ fehl am Platz. Jede Handlung zieht bestimmte Konsequenzen nach sich. Ich kann mich an gewisse Gesetze halten und beschreite so den einen Weg oder eben nicht, dann beschreite ich den anderen Weg. Die Frage ist doch, ob der Koran dies nach weltlichem Verständnis sanktioniert. Eben DAS tut er nicht. Natürlich ist es Unsinn zu sagen, dass ein Mensch, egal was er tut, in den Himmel kommt. Das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Derjenige, der sich hinsichtlich einer bestimmten Sache anstrengt bekommt doch automatisch mehr „Lohn“ als jemand, der das nicht tut. Das ist nur gerecht. In diesem Zusammenhang bedeutet Freiheit, dass sich der Mensch ohne äußeren gesetzlichen oder gewaltsamen Zwang für oder gegen eine Sache entscheiden kann. Sicherlich könnte man sich auch darüber streiten, ob wir in einer Gesellschaft überhaupt frei sind, wo wir doch IMMER dem sozialen Druck ausgeliefert sind und von Mitmenschen beeinflusst werden. Der Koran zeichnet das Menschenbild eines freien, mündigen und selbstverantwortlichen Menschen. In Bezug auf den Rucksack gebe ich gerne zu, dass Arumt nicht automatisch frei macht, im Gegenteil. Vielleicht macht Reichtum auf eine gewisse Art sogar freier als Armut, aber eben nur dann, wenn man sich ihm nicht „verkauft“.

  3. SalvaVenia schreibt:

    Ausgezeichnet.

    Ein wenig Kopfschmerzen macht mir der Vergleich mit Jean-Jaques Rousseau. Man sollte dessen Hintergrund als Multiplikator eines glaubensfeindlichen und rein materialistisch geprägten Lebensentwurfs nicht vergessen, denke ich. Schließlich war er der derjenige Neuzeitvertreter, dessen „Contrat Social“ oder „Discours sur l’origine de l’inégealité parmi les hommes“ bereits sämtliche späteren Ausgeburten des modernen Sozialismus beinhalteten.

    Auf ihn als bekennenden Feind jeglicher Zivilisationsbemühungen und Fürsprecher der antigöttlichen Maxime, daß die Rettung der Menschheit ausschließlich in deren Rückkehr zur Natur liege, als positives Beispiel zu verweisen … nun ja, zumindest schwierig, meiner Meinung nach.

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