Muslimische Mädchen im Schwimmunterricht

Muslimische Mädchen im Schwimmunterricht – Die Pflicht von Muslimen, die Religion vernünftig zu erklären

Im September 2012 fällte der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel (VGH) ein Urteil, das es muslimischen Mädchen ab sofort verbietet, sich dem schulischen Schwimmunterricht aus religiösen Gründen zu verweigern. Zu der Entscheidung kam es infolge einer Klage durch eine muslimische Schülerin, die als Elfjährige dem Schwimmunterricht fernblieb und daraufhin im Fach Sport die Note „sechs“ erhielt.

Begrüßt wurde das Urteil besonders unter Extremkonservativen und Islamgegnern. Als Vorzeichen der „schleichenden Islamisierung Deutschlands“ zu denen auch eine Sonderbehandlung der Musliminnen und Muslime gerechnet wurde, feiert man in bestimmten Lagern somit einen zwischenzeitlichen Sieg gegen die vermeintliche Unterwanderung deutscher Traditionen und Gegebenheiten.

Die populistische Vorstellung, der Staat würde gegenüber Muslimen und deren religiösen Gefühlen besondere Rücksicht walten lassen und diesen letztlich dadurch bestimmte Rechte einräumen, die anderen Bürgerinnen und Bürgern verwehrt blieben, spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bereits im Jahr 2006 klärte Martin Spiewak uns in seinem Artikel in der Zeit darüber auf, dass die angebliche Sonderbehandlung muslimischer Schülerinnen und Schüler in Sport- und Schwimmunterricht, sowie in Biologie oder Sexualkunde eher eine sehr seltene Ausnahmeerscheinung ist, die nichtsdestotrotz gerne von politischen Meinungsmachern dazu genutzt wird, um entsprechende Ressentiments zu bestärken (vgl. Spiewak, M., Ins Schwimmen geraten, Die Zeit, 07.12.2006).

Fernab von politischer Meinungsmache geht es aber auch um einen tatsächlichen Interessenskonflikt. Auf der einen Seite steht der staatliche Bildungsauftrag, der über die Schule vermittelt werden muss. Es geht darum, schwimmen zu lernen und damit eine Fähigkeit zu erwerben, die nicht nur im Alltag nützlich ist, sondern sich in Notsituationen (z.B. Sturz oder Unfall in tieferen Gewässern) geradezu als überlebensnotwendig erweisen kann. Auf der anderen Seite steht das von einem religiösen Gebot ummantelte Schamgefühl junger Mädchen, sich nicht von Anderen begutachten und/oder bewerten zu lassen, bis hin zur Gefahr, in Zeiten von Cybermobbing auch öffentlich bloßgestellt zu werden. Beide Interessensseiten sind wichtig und müssen unbedingt beachtet werden.

Trotzdem ließe sich dieses vor Gericht gezerrte Problem vermutlich viel einfacher durch ein offenes und vernünftiges Aufeinanderzugehen lösen. Denn einmal kommt es bewiesenermaßen nur sehr selten vor, dass sich ein muslimisches Mädchen (und/oder deren Eltern) bei der Teilnahme am Schwimmunterricht unüberwindbaren Problemen ausgesetzt sieht, zum anderen bringen deutsche Schulen und deren Lehrkräfte oftmals viel Verständnis für junge Mädchen in der Pubertät auf und finden diverse Möglichkeiten, um diese unabhängig von ihrer Religion nicht gemeinsam mit gleichaltrigen Jungen in den Schwimmunterricht schicken zu müssen. Folglich gibt es auch viele in der Praxis bereits erfolgreich umgesetzte Möglichkeiten, um Jungen und Mädchen in bestimmten Fächern getrenntgeschlechtlich zu unterrichten oder bestimmte Qualifikationen außerschulisch erwerben zu lassen, die dann mittels entsprechender Nachweise auf die schulischen Leistungen angerechnet werden können (beim Schwimmen z.B. im nächstgelegenen Stadtbad während des Frauenschwimmens).

Das Gebot der Geschlechtertrennung in bestimmten Situationen ist im Islam ein fest verankertes und darüber hinaus deutlicher als in anderen Religionen auch nach außen hin sichtbares Prinzip. Dieses ist allerdings kein sinnloses, lediglich von der Religion vorgegebenes Gebot, sondern beinhaltet einen vernünftigen und die Gesellschaft bereichernden Kern. Ohne jetzt zu tief in diese umfangreiche Thematik einsteigen zu wollen, geht es hierbei doch in erster Linie darum, die Gesellschaft reizfreier zu halten und damit beide Geschlechter befreiter agieren zu lassen. Gerade bei Jugendlichen in der Pubertät herrscht häufig eine Atmosphäre, die darauf ausgerichtet ist, dem anderen Geschlecht aufzufallen oder diesem etwas beweisen zu müssen. Entfällt dies, hat der Mensch die Freiheit, sich anderen, wichtigeren Dingen zu widmen. In diesem Sinne könnte das islamische Prinzip der Geschlechtertrennung vielleicht auch die derzeit geführten Diskussionen um die Einführung einer Frauenquote im Management von Wirtschaftsunternehmen bereichern. Allerdings und das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, müssten insbesondere wir als Muslime religiöse Gebote und Vorschriften nicht unter Verweis auf ihre Gegebenheit durch den Islam rechtfertigen, sondern meines Erachtens haben wir gerade in einer säkularen Gesellschaft wie der unserigen die besondere Pflicht, Anders- und/oder Nichtgläubigen solche Gebote auf der Ebene der Vernunft und des Zusammenlebens näher zu erläutern. Zu sagen: „Muslimische Mädchen sollen nicht mit Jungen zusammen in den Schwimmunterricht, weil der Islam das so sagt“, ist viel zu kurz gegriffen und wird auch der Erhabenheit und Komplexität der islamischen Lehre nicht gerecht. Vielmehr müssen die hinter dem religiösen Gebot stehenden Gründe zum Vorschein gebracht werden. Da wo dies geschieht, wird auch eine Mehrheitsgesellschaft, die sich diesen religiösen Geboten nicht explizit verschrieben hat, deren Bedeutung für Muslime besser nachvollziehen und tolerieren können.

http://www.ahmadiyya.de/news/blog/art/muslimische-maedchen-im-schwimmunterricht/

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Über Volker Ahmad Qasir

Volker Ahmad Qasir, Fulda
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Eine Antwort zu Muslimische Mädchen im Schwimmunterricht

  1. SalvaVenia schreibt:

    Eine schöne Analyse, die dieser nicht verhaftet bleibt, sondern auch konstruktive Vorschläge erhebt, um ein Miteinander anstatt ein Gegeneinander zu erreichen.

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